Warum mein Mann auch jammern darf

IMG_6536

Ich gebe es zu: Ich jammere gerne.

Zwar war ich dem ganzen Jammer-Prozedere noch nie wirklich abgeneigt (liegt wahrscheinlich am Lehrer-Job 😉 ), allerdings hat sich das Bedürfnis dazu noch eherblich maximiert, seit wir ein Baby haben.

Müde, hungrig, schmerzende Arme, schmerzender Rücken, Stress, ständige Bereitschaft… Es gibt als Mama eigentlich immer etwas, um sich zu beschweren. Ich ernte dann in den meisten Fällen ein verständnisvolles Nicken von anderen Müttern, lausche mitfühlenden Worten oder genieße einfach nur die Tatsache, dass sich jemand mein Gejammere anhört, ohne genervt von Dannen zu ziehen (oder mir auf Twitter zu entfolgen 😉 ).

Ganz anders sieht es jedoch häufig aus, wenn ein Mann/Vater versucht, sich durch ein wenig Jammern etwas Luft zu machen.

In bin in letzter Zeit häufiger über Äußerungen in meinem näheren (und weiterem) Umfeld oder über Texte und Kommentare im Internet gestolpert, die – von Müttern ausgesprochen oder geschrieben – nicht müde wurden, einem solchen Mann erst einmal zu erzählen, wieso er sich nicht zu beschweren hätte. Wieso er es viel leichter hat mit seinem Job, in dem er in aller Ruhe ein warmes Mittagessen in der Kantine einnehmen oder Gespräche mit Erwachsenen führen kann, während man selbst zu Hause schon stolz ist, wenn man es schafft, sich vor 11 Uhr die Zähne zu putzen oder sich nicht nur von Keksen und Tiefkühlzeugs ernähert. Ein Mann kommt doch schließlich nach Hause, bespaßt noch ein wenig das Baby, bringt es vielleicht sogar noch ins Bett und hat dann Feierabend. Abgesehen von der Tatsache, dass er sein eigenes Kind recht wenig unter der Woche zu Gesicht bekommt, sind das doch traumhafte Rahmenbedingungen, die den Stresslevel nur wirklich nicht allzu sehr in die Höhe treiben sollten, oder?

Auch ich selbst hatte schon des Öfteren ähnliche Überlegungen, die ich gemeinsam mit meinem Mann vor einiger Zeit in einem Text verbloggte. In diesem Text stellten wir unsere Tagesabläufe und die dazugehörigen Gedanken gegenüber, die oft in die Richtung gingen, sich in die Position des anderen zu wünschen.

Nach Veröffentlichung dieses Textes drehte sich mein Mann dann irgendwann zu mir um und meinte nur: „Aber jetzt mal ehrlich: Dein Tag ist schon wesentlich anstrenger als meiner“.

Da gab ich ihm sofort recht. Isoliert betrachtet ist ein typischer Wochentag von früh morgens bis zum Einschlafen unserer kleinen Maus als Mama definitiv anstrengender, da kann der Job des Mannes noch so stressig sein. Kein Termindruck, kein Meeting, keine körperliche Arbeit und kein motzender Chef kommt der rein psychischen Herausforderung durch die ständige Bereitschaft, die Zurückstellung der eigenen (Grund-)Bedürfnisse und der riesigen Verantwortung gleich, denen man sich als Mutter gegenübersieht. Dieser festen Überzeugung bin ich.

Und trotzdem sage ich: Auch mein Mann darf jammern! Und zwar nicht nur, weil ich es generell schwierig finde, die Befindlichkeiten eines anderen Menschen einfach so abzutun, nur weil man selbst denkt, es noch viel schlimmer erwischt zu haben (einen sehr lesenswerten Text zu dieser Thematik im Bezug zum ersten Kind könnt ihr übrigens hier finden), sondern auch deshalb, weil ich weiß, dass er vermutlich tatsächlich genau so erschöpft ist wie ich.

Denn das Leben in einer gleichberechtigten, liebevollen Beziehung bedeutet für uns beide auch ein Leben als Team. Und das wiederrum bedeutet, wie ich bereits einmal schrieb, meiner Ansicht nach nicht, dass man die erledigten Aufgaben des jeweils anderen zählt und argwöhnisch mit den eigenen vergleicht, sondern versucht, die Belastbarkeit aller Teammitglieder über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeglichen zu gestalten.

Den Unterschied kann man an einem Beispiel ganz einfach verdeutlichen:

Wenn der eine den Müll rausbringt und der andere in dieser Zeit dem Kind die Fingernägel schneidet, dann mag das auf den ersten Blick als recht gleichmäßige Aufgabenversteilung erscheinen. Bei einem Kind, das sich nicht gerne die Fingernägel schneiden lässt, kann das gemütliche Müllrausbringen allerdings vom Stresspegel her nicht mithalten.

Fährt man nun das System, Aufgabe gegen Aufgabe abzuwägen, wären diese zwar gerechnet in zeitlichem Aufwand gerecht verteilt, doch der Partner, der die Fingernägel geschnitten hat, hätte im Grunde genommen trotzdem den Kürzeren gezogen. Häufen sich solche Situationen, gerät man schnell zur Sichtweise, selbst viel mehr leisten zu müssen als der andere.

Damit wir nicht in diesen Strudel geraten und unsere Belastbarkeiten insgesamt ausgeglichen sind, hat sich bei uns mit der Zeit außerhalb eines normalen Wochentags von 6.00 bis 18.00 Uhr folgender Rhythmus eingespielt:

Weil er weiß, dass meine Mama-Aufgaben momentan mehr von mir abverlangen, als es sein – tatsächlich sehr oft, sehr stressiger – Job tut, übernimmt mein Mann, nachdem er Kiwi gefüttert und ins Bett gebracht hat, den „Babyphone-Dienst“ und zwar jeden Abend. Das bedeutet, er ist derjenige, der ab sofort in Bereitschaft steht und zu ihr geht, wenn sie aufwachen sollte (meist, weil sie ihren Schnuller verloren hat und nicht wiederfinden kann). Nachts kümmere ich mich dann in der Woche um Kiwi, allerdings macht er das Fläschchen, wenn sie aufwacht und Hunger hat, während ich schon zu ihr gehe. Früher, als ich sie noch gestillte habe, hat er das nächtliche Wickeln übernommen. In der Woche fährt er so früh wie möglich zur Arbeit, um so früh wie möglich wieder zu Hause zu sein und kümmert sich dann sofort um die kleine Maus, gibt ihr ihren Abendbrei und bringt sie ins Bett.

Am Freitag kommt er dann eher als gewöhnlich nach Hause und wir verbringen Zeit zusammen. Sollte ich allerdings eine extrem anstrengende Woche hinter mir haben, kam es in letzter Zeit auch schon vor, dass ich mich einfach ins Bett verkrümelte und Schlaf nachholte. Am Wochenende kümmert er sich nachts komplett um Kiwi und steht am Morgen auch gemeinsam mit ihr auf, macht sie fertig, geht mit ihr Brötchenholen, gibt ihr zu Essen und zu Trinken, während ich ausschlafen darf.

Er selbst kann also nie ausschlafen – weder in der Woche, noch am Wochenende!

Samstags verbringen wir viel Zeit gemeinsam und teilen uns sämtliche Arbeiten etwa 50/50. Am Sonntag ist dann komplett „Papa-Tag“. Da kümmert er sich um Kiwi. Natürlich verbringen wir trotzdem Zeit zu dritt, aber er ist derjenige, der sie auch am Tag ins Bett bringt, ihr Essen macht, sie wickelt, sie beschäftigt etc.

Das klingt jetzt sehr nach Lobhudelei, oder? Und jetzt haltet euch fest: Das ist echt auch! (Keine Angst, einen Preis werde ich ihm deswegen nicht verleihen und halte das auch in der Tat für ziemlich übertrieben 😉 )

„Aber man sollte einen Mann nicht dafür loben, dass er die Dinge tut, die für eine Mutter selbstverständlich sind!“, werden jetzt vielleicht einige denken.

Das finde ich – mit Verlaub – ziemlichen Schwachsinn.

Natürlich ist es ungerecht, wenn zwei Menschen die gleichen Dinge tun und der eine wird dafür aufgrund seines Geschlechts gelobt, der andere jedoch nicht. Das heißt aber doch nicht, dass jetzt deswegen überhaupt niemand mehr gelobt werden darf. Wie wäre es dann statt der Forderung, keinen Vater mehr für seine Leistung als solcher zu loben lieber mit dem Gedanken, auch den Müttern mehr Anerkennung zu schenken? Vielleicht das Ganze Thema Elternschaft in der Gesellschaft etwas wertschätzender zu behandeln? Das nur am Rande.

Wenn mein Mann mir also das nächste Mal erzählt, wie erschöpft er sich gerade fühlt, dann höre ich ihm zu, nehme ihn in den Arm und sage ihm, wie toll er das alles meistert – genau so, wie er es bei mir schon etliche Male getan hat.

3 thoughts on “Warum mein Mann auch jammern darf

  1. ja, wieso auch nicht loben? Immer nur jammern und dem Anderen Vorwürfe machen wirkt doch nur kontraproduktiv. Wenn man gelobt wird, macht man die Dinge doch gleich viel lieber und auch gerne. Ich finde es schön, dass ihr euch die Aufgaben so teilt. Das läuft bei uns nicht anders. Ich finde es auch wichtig, dass Väter diese Routineaufgaben hinsichtlich ihrer Kinder übernehmen und eine echte Beziehung zu ihnen aufbauen. Schöner Text. Vielen Dank. Lieben Gruß, Christina

    1. Absolut! Ich bin froh, dass es noch mehr Leute gibt, bei denen es ähnlich läuft. Ich treffe relativ oft auf Erstaunen, wenn ich erzähle, wie wir uns das Ganze so aufteilen (was mich dann wiederrum erstaunt 🙂 ).
      Liebe Grüße
      Steffi

Kommentar verfassen