…und was wenn nicht?

Und-was-wenn-nicht

Besorgt schaue ich auf das Thermometer in meinen Händen. Es zeigt 39,5 Grad.

„Das Fieber ist gestiegen…“, murmle ich zu meinem Mann und bedenke die vor sich hinspielende Kiwi mit einem besorgtem Blick.

Es ist Samstag. Die Kinderärzte haben geschlossen. Gestern ging es ihr noch blendend, heute morgen war ihre Temperatur ganz leicht erhöht. Jetzt, gegen Mittag, ist sie stark angestiegen.

Die reine Temperatur an sich sagt nicht unbedingt etwas über die Schwere des Krankheitsgrades aus. Kiwi spielt zufrieden vor sich hin, wippt ab und an vergnügt mit ihrem Bein und lacht. Sie wurde vor einer Woche geimpft. Alles Faktoren, die dafür sprechen, dass eigentlich alles okay ist. Dass es okay wäre, erst einmal etwas abzuwarten.

Und dann meldet sie sich bei mir. Sie, die mir bisher so wohlbekannte Stimme, die mir mit spitzer Zunge den Satz ins Ohr flüstert, der meine innere Ruhe augenblicklich ins Wanken bringt:

Und was wenn nicht?

Was, wenn Kiwi wirklich krank ist? Was, wenn sie dringend Hilfe braucht? Was, wenn wir das nicht merken? Was, wenn wir die Situation falsch einschätzen? Was dann?

Und schon gerät die Welt in Schieflage. Färbt sich giftgrün statt gelassen beige. Zeigt Kanten und Spitzen und Zacken dort, wo vorher nichts zu erkennen war. Wird klamm, kalt und dunkel. Furchtbare Bilder ziehen in meinem inneren Auge vorbei. Bilder von dem, was sein könnte, wenn wir jetzt nicht handeln. Ich schaudere.

„Ich glaube, wir sollten mit ihr zum ärztlichen Notdienst fahren. Nur, um auf Nummer sicher zu gehen.“

Wir fahren. Natürlich. Wie könnte ich nicht darauf bestehen nach diesen Gedanken in meinem Kopf?

Im Krankenhaus treffen wir auf einen kleinen, alten, gebrechlichen Mann. Der diensthabene Arzt, wie sich herausstellen sollte. Er redet so leise, dass wir ihn kaum verstehen können. Und ich bin mir nicht sicher, ob er versteht, was wir ihm erzählen.

Nach einer sehr kurzen, sehr umständlichen und sehr flüchtigen Untersuchung verschreibt er Kiwi Penicillin. Was sie hat, kann er mir nicht sagen. Außerdem sollen wir das Fieber mit einem weiteren Mittel senken.

Wir gehen und zurück bleibt ein mulmiges Gefühl. Draußen tauschen mein Mann und ich skeptische Blicke aus.

„Wirklich? Penicillin? Er hat sie doch kaum angesehen!“, entfährt es meinem Mann und ich merke, dass er seine Wut kaum unterdrücken kann.

Ich zucke unschlüssig mit den Schultern. Auch ich finde das alles irgendwie übertrieben und unnötig. Innerlich sträube ich mich dagegen, ein so kleines Wesen ohne wirklich ersichtlichen Grund mit heftigem Medikamenten vollzupumpen. Innerlich denke ich, dass wir vielleicht bis Montag warten und beobachten sollten, um dann den Kinderarzt aufzusuchen.

Und dann kommt sie wieder. Die Stimme, die meine Überzeugungen viel zu leicht zu überschatten vermag.

Und was, wenn der Arzt recht hat? Er ist immerhin Arzt. Er muss doch wissen, was das Beste für sie ist?

Am Ende der kurzen Autofahrt hat die Stimme erneut die Oberhand gewonnen und wir geben Kiwi das Penicillin.

Anfang der nächsten Woche gehen wir zum Kinderarzt. Dieser untersucht Kiwi sehr gründlich, sagt, dass er keine bakterielle Infektion feststellen kann und wir das Antibiotikum wieder absetzen können. Er lässt durchblicken, dass er eigentlich auch nicht denkt, dass sie es gebraucht hätte.

Ich bin froh und erleichtert im ersten Augenblick. Es fühlt sich richtig an, das Medikament abzusetzen. Endlich Sicherheit zu haben.

Doch schon nach wenigen Minuten erfahre ich erneut, dass dieses Gefühl der endgültigen Sicherheit, das ich mir so sehr wünsche, nicht existiert. Dass ich damit beginne, auch die Entscheidung dieses Arztes in Frage zu stellen. Mein eigenes Bauchgefühl in Frage zu stellen. Ich fühle mich hilflos, statt erleichtert. Unsicher, statt gefestigt. Ängstlich, statt beruhigt.

Wie so oft seit der Geburt meiner Tochter.

Ich war schon immer ein Mensch, der sich schnell Sorgen machte. Ein klingelndes Telefon zu einer seltsamen Zeit, eine sich verzögernde Ankunftszeit oder ein seltsames Ziepen in der Brust haben mir schon immer Sorgenfalten ins Gesicht gemalt. Doch vor Kiwis Geburt hatte ich diese Gedanken ganz gut im Griff. Konnte mich oft davon überzeugen, dass alles in Ordnung sei. Dass es nichts zu befürchten gäbe.

Doch noch nie, noch nie in meinem ganzen Leben, habe ich mein Handeln, mein Denken und auch mich selbst immer und immer wieder in Frage gestellt, wie seit jenem Tag, an dem ich Mutter wurde. Und noch nie in meinem Leben sehnte ich mich so sehr danach, ein Gefühl von Sicherheit wiederzuerlangen. Das Gefül, schon alles richtig zu machen. Alles gut zu machen. Die zweifelnde Stimme in meinem Kopf endlich wieder in ihrer momentanen Lautstärke zu beschneiden und sie auf ein weniger allgegenwärtiges Maß zu reduzieren.

Und doch: Sobald Kiwi schlecht schläft oder nicht gut isst. Sobald sie viel quengelt oder gar weint. Sobald sie hinfällt oder krank wird – immer schaltet sie sich augenblicklich in meine Gedanken. Diese skeptische, höhnische Stimme, die all mein Tun und Handeln im Bezug auf meine Tochter in Frage stellt.

Habe ich ihr auch genug Aufmerksamkeit geschenkt? Oder sogar zu viel? Müsste sie nicht eigentlich mittlerweile besser schlafen? Oder schläft sie sogar zu lange? Habe ich wirklich die beste und stärkste Bindung zu ihr aufgebaut, die möglich ist? Oder ist unsere Bindung sogar zu stark? Bin ich zu unbesorgt oder doch zu gluckenhaft? Wie wird sie sich unter diesen Umständen entwickeln? Was für ein Mensch wird aus ihr werden? Was wird sie später einmal von mir denken? Wird sie von ihrer Kindheit denken? Was kann ich noch besser machen, um ihr dabei zu helfen, ein einfühlsamer, liebevoller, zufriedener Mensch zu werden?

Ich weiß es nicht. Ich finde keine Antworten auf all meine Fragen. Manchmal denke ich in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Reflektiere die Reflexion der Reflexion meines Handelns.

Aber ich kämpfe dagegen an. Versuche Schritt für Schritt diese Unsicherheit und diese Zweifel mehr und mehr abzulegen und einfach auf mein Bauchgefühl zu vertrauen.

Ich weiß, dass ich die zweiflerische Stimme in meinem Kopf nicht in Gänze zurückdrängen kann. Die Verantwortung für ein von mir selbst willentlich in die Welt gesetztes Leben ist einfach zu groß, als dass ich ihr mit völliger Gelassenheit entgegensehen könnte. Aber ich kann mir der Stimme in meinem Kopf bewusst sein. Ihr und ihrer negativen Einflüsterungen.

Und heute, etwa ein Jahr nach der Geburt unserer Tochter, kann ich ihr gegenübertreten mit stolzgeschwellter Brust, auf das hinreißende kleine Geschöpf zu meinen Füßen deuten und sagen: „So viel scheine ich bisher nicht falsch gemacht zu haben!“

Und die Stimme wird verstummen. Zumindest für einen kurzen Augenblick.

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15 thoughts on “…und was wenn nicht?

  1. Ja, man muss wirklich LERNEN auf die eigene, vorhandene (!) Kompetenz als Mutter Deiner eigenen Kinder zu vertrauen! Ich habe mir hier mühsam Mut zugeredet, es wird besser! Du machst das!
    Liebe Grüße 🙂

    1. Danke! Das mit dem Lernprozess stimmt, das trifft es sehr gut. Direkt nach der Geburt fühlte ich mich quasi völlig aufgeschmissen, mittlerweile ist das schon was anderes. Aber es gibt dann eben doch immer wieder genügend Situationen, in denen ich mich daran erinnern muss, dass ich jetzt echt mal auf meinen Bauch hören sollte! 😉 Aber es ist schon mal gut zu wissen, dass es besser wird 🙂

  2. Oh liebe Kiwi-Mama. Ich verstehe dich. Manchmal blitzen solche Gedanken auch bei mir auf. Ganz scharf und quälend denke ich: „Was ist, wenn ich falsch entscheide? Das könnte ich mir nie verzeihen!“
    Und dann übernimmt die Vernunft wieder. Ich hatte nun auch schnell 3 kleine Kinder. Da hat man nicht viel Zeit sich schlimm zu sorgen, denn sonst würde garnichts mehr funktionieren. 😀
    Wenn aber was ist, was ich nicht kenne und es dramatisch aussieht, bin ich nahezu unzurechnungsfähig vor Sorge.

    Ich lernte aber: Der Sohn fiebert hoch. An die 39,5 sind Usus.. Das macht er mal so locker. Schläft viel. Ruht sich aus. Ich habe gelernt: Heiße Beine: Das Fieber steigt nicht mehr. Kalte Beine: Das Fieber wird weiter steigen. Das ist bei allen so. Jetzt weiß ich, wenn er 39,5 hat und die Beine glühen ist alles gut. Ich muss nur warten. Nur einmal, da hatte er über 39 Grad und hatte kalte Beine und war unruhig. Da habe ich ihm ein Zäpfchen gegeben. Ansonsten lasse ich ihn in Ruhe mit seinem Fieber. Außer es kommen so Sachen wie Halsweh und Ausschlag dazu. Da war es Scharlach.

    Beim Sirenchen lernte ich: Sie fiebert nicht so hoch und wird bei Fieber ab 39 mega unruhig. Die bekommt von mir viel früher ein Zäpfchen. Sonst ist nix mit erholsamen Schlaf.

    Das Knöpfchen hatte zweimal Fieber und hat einfach viel geschlafen. Es ging nicht höher als 38,7, als sie mich messen ließ. Das mäh sie nämlich nicht. Fiebermessen. Da habe ich einfach Kopf und Gliedmaßen befühlt und geschaut, wie sie sich allgemein benimmt. Und habe sie gelassen.

    Denn: Wie du auch so schön schreibst…die Ärzte wissen manchmal auch nix und verzapfen irgendeinen Mist.
    Mir hilft in so Situationen auch immer ein Buch: Die Kindersprechstunde. Da sind ganz viel typische Kinderkrankheiten sehr genau beschrieben und auch eine Abhandlung über Fieber und dessen Verläufe. Da gucke ich gerne rein und habe dann eine recht aufgeräumte Meinung, ob ich los muss oder warten kann. Und ich kann unseren Kinderarzt jeder Zeit anrufen. Das ist ein Knaller.
    Da mache ich jetzt aber nochmal ganz unentgeltlich aus voller Überzeugung Werbung für das Buch: Die Kindersprechstunde. Guck doch mal, ob dir das auch helfen kann in Zukunft nicht so schnell nervös zu werden. Das ist besser als im Netz zu fischen!!!! Da sitzt man dann neben dem kranken Kind und kann kann ruhig sagen: Ich gucke mal nach was wir da machen können. Das beruhigt mich und dann auch das Kind:-D

    LG
    Beatrice

    1. Liebe Beatrice,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich finde es total interessant zu lesen, wie unterschiedlich die Sache mit dem Fieber bei deinen Kindern aussieht. Die Sache mit den Beinen finde ich auch faszinierend, denn da habe ich bei Kiwi auch immer wieder Temperaturunterschiede festgestellt, hab mir aber in dem Moment nicht eingeprägt, in welchen Situationen. Das werde ich demnächst mal tun!

      Das Buch werde ich mir auf jeden Fall auch besorgen, danke für den Tipp! Im Internet surfen sollte man wirklich nicht, da landet man sowieso nur bei den schlimmsten Diagnosen…

      Ich hoffe, ich werd irgendwann so „cool“ damit umgehen können, wie du! Du bist also ab sofort mein offizielles Vorbild 😉

      Alles Liebe
      Steffi

    1. Ja, es ist schon wirklich krass, was das Mutterdasein mit einem machen kann! Aber es tut total gut zu hören, dass es nicht nur mir so geht 🙂

  3. es is tatsächlich entscheidend zu welchem arzt man geht… es gibt die mit der keule und die ohne. ich wähle immer einen ohne keule 😉 und wirklich fahren wir bisher damit sehr gut und das mit drei kindern.
    diese unsicherheit in uns ist vielleicht viel stärker beim ersten kind, da will man doch alles richtig machen und nichts versäumen… aber mit der zeit lernt die mutter zu beobachten und liegt mit ihren gefühlen gar nicht so falsch, wie sie es glaubt.

    ich denke du kannst ruhig dir selbst vertrauen 🙂
    liebe grüße von aneta

    1. Das mit den Ärzten stimmt, die Erfahrung hab ich auch schon gemacht. Blöderweise kann man sich den Arzt beim Notdienst ja nicht aussuchen :/

      Dass es auch damit zu tun hat, dass Kiwi mein erstes Kind, ist bestimmt so. Wenn man alles schon mal mitgemacht hat, dann ist man glaube ich schon etwas ruhiger. Allein wenn ich mir jetzt noch einmal die erste Babyzeit mit einem zweiten Kind vorstelle, hab ich das Gefühl, mich nicht mehr ganz so überfordert zu fühlen 😉

      Viele liebe Grüße und danke für deinen Zuspruch!

  4. Hallo Kiwimama,
    ja so geht es mir auch, und was wenn nicht.
    Früher war man nur für den eigenen Körper verantwortlich, da hab ich immer gewartet, bis nichts mehr ging. Aber jetzt mit Mausi, entscheide ich richtig, oder nicht. Was ist was wäre. Aber manchmal muss man sich selbst sagen, du bist nicht die einzige auf der Welt. Und wenn ich mir andere Familien anschaue, die ihr Kind vor dem Fernseher abstellen, oder sich nicht richtig drum kümmern, diese Kinder werden auch groß.
    Man macht sich, denke ich, einfach zu viele Sorgen, obwohl nichts ist.
    liebe Grüsse von Carbenie

    1. Schön, dass ich da nicht die Einzige bin 🙂 Du hast recht, man macht sich echt viel zu viele Gedanken manchmal! Aber es fällt auch echt schwer, das abzustellen. Aber wenn man die Kommentare von den erfahrenen Mamis weiter oben liest, scheint es ja besser zu werden mit der Zeit 🙂

  5. Oh man, der Text hätte mal wieder eins zu eins von mir sein können. Ich hätte auf jeden Fall genauso gehandelt wie du. Ich denke auch ständig: „Ist bestimmt normal … und was wenn nicht?“ Und dann rennt das Gedankenkarussell auch schon los ohne dass ich etwas tun kann. Manchmal ist meine Phantasie in Kombination mit Google einfach zu ausgeprägt, da wird aus: „Oh, mein Kind hat sich an Wasser doll verschluckt, schnell mal: Sie hustet jetzt so viel, da ist bestimmt Wasser in die Lunge geraten … Aaaaah … Was wenn ich jetzt nicht zum Arzt gehe und etwas Schlimmer passiert?“ Und zack, sitzen wir in der Notaufnahme 😉

    1. Es wird dich wahrscheinlich kaum noch überraschen, aber der „Oh Gott! Hat sie jetzt zu viel Wasser geschluckt?!“-Gedanke kommt mir auch immer wieder 😉

  6. Der Kinderarzt von meinem ältesten Sohn sagte immer Folgendes, wenn ich mit meinem fiebernden Kind auf der Matte stand: Trinkt und isst er? Lacht er? Dann ist alles ok. 😉
    Denn Fieber ist ja nichts Schlimmes, sondern etwas Gutes und Sinnvolles. Sollte das Fieber an die 40°C herangehen, dann ist es Zeit für ein Zäpfchen. Ansonsten einfach fiebern lassen, wenn sich das Kind nicht schlecht fühlt. Wenn es aber nicht mehr essen, trinken oder lachen mag, dann sollte man natürlich auf jeden Fall beim Arzt vorbeikommen. Und genauso habe ich es die letzten – fast – 9 Jahre bei meinen 3 Kindern gehalten und bin sehr froh darüber, diese klare Ansage gleich am Anfang bekommen zu haben.

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