Meine Schatzkiste voller Erinnerungen – #regrettingbloggerhood

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Neulich veröffentlichte Miriam vom Blog Emil und Ida einen Text mit dem Titel „Die gläserne Mutter“, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Der Text spricht eine Thematik an, mit der sich insbesondere wohl jeder Familienblogger auseinandersetzen muss:

Wie viel gebe ich von mir und meinen Lieben preis? Worüber blogge ich und worüber schweige ich lieber? Was zeige ich auf meinen Bildern? Wen zeige ich auf meinen Bildern? Welche Bereiche meines Lebens öffne ich für meine Leser und welche lasse ich lieber verschlossen? Und: Halte ich es aus, dass sich andere Menschen anhand dieser kleinen Einblicke ein Urteil über mich bilden, obwohl ich ihnen noch nie begegnet bin?

Ich las den Text und musste zunächst schlucken, denn er machte mir erneut bewusst, wie viel ich hier aus unserem Familienleben mit euch teile. Kurz darauf startete noch ne Muddi auf ihrem gleichnamigen Blog eine Blogparade zum Thema „#regrettingbloggerhood“ und fragte, ob andere Blogger manchmal bestimmte Texte oder aber das Bloggen als solches bereuen.

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Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Tage und Wochen nach Kiwis sehr schwieriger Geburt erinnern. Ich hatte mir das alles – nicht nur die Geburt, die leider in einem Kaiserschnitt endete – ganz anders vorgestellt. Die Ängste, irgendetwas falsch zu machen, etwas zu übersehen und dem ganzen Mutterdasein nicht gerecht werden zu können waren so groß, dass ich nichts merkte von irgendwelchen „Flitterwochen mit dem Baby“. Ich war zu diesem Zeitpunkt weder euphorisch, noch grenzenlos glücklich, sondern nur eins – verunsichert, und zwar zutiefst.

Ich redete zu dieser Zeit viel mit meiner eigenen Mutter über meine Gefühle, Ängste und Gedanken und fragte sie bei fast jeder Kleinigkeit, wie sie dies oder jenes früher angegangen ist, ob sie bei uns Kindern auch das Verhalten XY beobachten konnte oder auch, wie sie sich in bestimmten Situationen gefühlt hatte. Meine Mutter versuchte mir alle meine Fragen wirklich bestmöglich zu beantworten, aber an viele Dinge konnte sie sich, wie wohl jede andere Mutter auch nach einiger Zeit, einfach nicht mehr so recht erinnern.

Was sie jedoch noch aufbewahrt hatte war ein kleines Notizbuch, in das sie nach meiner Geburt immer mal wieder kleine Meilensteine oder andere Ereignisse hineingeschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen wurden von mir regelrecht verschlungen und ich nahm mir fest vor, auch meine eigenen Erfahrungen aufschreiben zu wollen – für Kiwi.

Ich bat meinen Mann also darum, mir beim nächsten Einkauf einfach irgendein schlichtes Büchlein mitzubringen und begann sofort damit, alle möglichen Dinge wie den ersten Spaziergang oder auch Fakten zu Kiwis Geburt aufzuschreiben. Doch das Ganze blieb letztendlich bei kurzen, stichpunktartigen Notizen. Dabei merkte ich, dass es noch so viel mehr gab, das ich aufschreiben wollte. Für mich, für Kiwi, aber auch für andere. Ich las zu dieser Zeit sehr viel in Foren und anderen Elternblogs und bemerkte schnell, dass ich mit all meinen Sorgen, Ängsten, Überlegungen und auch Freuden nicht allein war. Erfahrungen von anderen, sei es von Menschen, die ich persönlich kannte oder aber auch von völlig Fremden in digitaler Form gaben mir Sicherheit, beruhigten mich. Sie gaben mir mehr und mehr den Mut, auf mein eigenes Bauchgefühl zu vertrauen.

Ich las Berichte, lustige Geschichten oder hochemotionale Texte, fand mich in vielen Dingen wieder oder grenzte mich von anderen Denkweisen ab. Die Erfahrungen von anderen formten mich auf diese Weise ein Stück weit in meiner eigenen Rolle als Mutter, gaben mir Einblicke in fremde Leben und Einstellungen, über die ich nachdenken und mein eigenes Handeln reflektieren konnte.

Nach relativ kurzer Zeit wurde mir klar: Auch ich wollte meine Erfahrungen niederschreiben und andere daran teilhaben lassen – irgendwann auch Kiwi selbst. Ich wollte meiner Tochter eine kleine Schatzkiste mit Erinnerungen an ihre Kindheit bewahren, die sie, wann immer es ihr gefällt, würde öffnen können. Die sie durchstöbern konnte, wenn sie selbst vielleicht einmal Mutter sein würde. Die auch wir als Familie immer wieder ansehen und uns erinnern können an vergangene Tage. Und, deshalb entschied ich mich für das Medium Blog, in die ich auch andere, fremde Menschen Zutritt gewähren würde. Weil ich selbst von diesen Einblicken anderer so viel profiert hatte und das Gefühl hatte, dass vielleicht auch andere bei mir Trost, Erheiterung, Sicherheit, Gedankenanstöße oder aber auch Ablehnung würden finden können.

Bevor ich den Blog dann tatsächlich ins Leben rief, steckte ich gemeinsam mit meinem Mann die Grenzen dieser Einblicke ab. Wir waren uns sofort einig, dass wir keine Bilder von Kiwi zeigen wollten, auf denen man ihr Gesicht erkennen konnte. Auch ihren wirklichen Namen wollten wir nicht ins Internet stellen. Worüber ich schrieb und worüber nicht sprachen wir ebenfalls ab, merkten aber schnell, dass wir uns in all diesen Dingen ziemlich einig waren.

Der Blog wurde also ins Leben gerufen und mit der Zeit lernte ich noch eine weitere wundervolle Komponente kennen, die das Bloggen so mit sich brachte: Ich machte Bekanntschaft mit wahnsinnig vielen, tollen neue Menschen. Menschen, mit denen man sich austauschen, anfreunden, lachen oder diskutieren konnte. Das war ein tolles Gefühl und erhellte so manches Mal einen mit krankem, zahnendem Baby zu Hause verbrachten Tag.

Es brachte mir außerdem Zuspruch und Zuversicht, die mich nach und nach dazu bewogen, noch mehr von mir und meinem Leben mit euch zu teilen. Ich begann irgendwann damit, jeden Sonntag ein Wochenende in Bildern zu erstellen oder besondere Familienmomente mit euch zu teilen. Sogar mein Mann begann irgendwann damit, Texte zu veröffentlichen.

Ja, ich teile viel mit meinen Lesern. Ihr wisst eine Menge über mich und über mein Umfeld – aber: Ich habe es in der Hand, welche Ausschnitte ich euch zeigen möchte. Ob ihr die chaotische Küche im Hintergrund eines schicken Essensfotos seht, oder eben nicht. Ob ich euch erzähle, worüber ich mich mit meinem Mann gestritten habe, oder eben nicht. Ob ich euch von bestimmten Ereignissen beim Wochenende in Bildern berichte, oder eben nicht.

Jonathan Saccone Joly, ein bekannte Vlogger, der jeden Tag ein Video von seinem Familienleben hunderttausenden Menschen auf YouTube zur Verfügung stellt, sagte einmal in einem Interview, bei dem ihm genau diese Frage nach Privatssphäre gestellt wurde, genau das: Er ist derjenige, der es in der Hand hat, welche Ausschnitte aus seinem Leben er mit seinen Zuschauern teilt. Er ist der jenige, der die Bilder auswählt, der bestimmt, was geschnitten oder was gar nicht erst gefilmt wird. Deshalb kann er seinem Leben als Vlogger auch ohne Reue nachgehen, denn er zeigt nur das, was er auch zeigen will.

Genau so geht es auch mir mit dem Bloggen. Ich muss euch nicht alles mitteilen, worüber ich nachdenke, mich aufrege oder amüsiere. Mein Leben wird nicht gewaltsam von irgendjemand anderem an die Öffentlichkeit gezerrt, sondern ich bestimmte selbst, was ich veröffentliche.

Ich lösche auch mal Bilder oder Posts aus meinem Entwürfeordner, wenn ich mich nicht wohl damit fühle, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen und frage mich vor jedem Post: Würde ich das auch einem Wildfremden auf der Straße erzählen? Ist die Antwort Ja, warum sollte ich es dann nicht auch ins Internet stellen?

Um die Frage, ob ich es jemals bereue, mit dem Bloggen begonnen zu haben, also endgültig zu beantworten: Nein, ich habe es noch nie bereut. Das Bloggen hat mein Leben bereichert in so vielerlei Hinsicht und ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich Kiwi diese kleine, gespeicherte Welt werde zeigen können.

17 thoughts on “Meine Schatzkiste voller Erinnerungen – #regrettingbloggerhood

  1. Hallo Kiwimama,
    mir hat dein Beitrag sehr gefallen. Ich mache mir derzeit auch sehr viele Gedanken über das Thema. Einerseits lässt sich die Privatsphäre ja gut skalieren, andererseits gibts da die Impressumspflicht, welche jedem geneigten Leser Name und Adresse offenlegt. Alles irgendwie nicht so einfach…
    Beste Grüße
    Daniel

    1. Die Sache mit dem Impressum macht mir auch manchmal wirklich Bauchschmerzen. Ich finde diese Regelung auch echt seltsam. Das gibt’s in vielen anderen Ländern nicht. Gut wäre ja, wenn man zumindest ein Postfach angeben könnte.

    2. Wenn ich das richtig verstanden habe – ist ja leider etwas kompliziert – besteht für private Blogs keine Impressumspflicht. Daraus schließe ich, dass man keines benötigt, sofern man z.B. keine Kooperationen macht.

    3. Wenn ich das richtig verstanden habe, zählen Blogs allerdings nur dann als „privat“, wenn man ein Passwort benötigt, um den Blog lesen zu können. Ansonsten zählt ein Blog als „öffentlich“. Aber ihr dürft mich gerne korrigieren, wenn ich mich irre 🙂

  2. Ach, liebe Kiwimama, so geht es mir auch! Ich habe ja die Wahl, was ich veröffentliche und was nicht 🙂 Auch unsere #Familienmomente wähle ich sorgfältig aus – denn von denen möchte ich, dass sie bleiben, sie sind so kostbar für uns <3

    Viele liebe Grüße, Küstenmami

    1. Hallo liebe Küstemami, es freut mich sehr von dir zu hören,

      ja gerade die #Familienmomente sind so schöne Erinnerungen, weil es oft auch so kleine Situationen beschreibt, die sonst vielleicht untergehen würden.

      Alles Liebe und Gute,
      Steffi

  3. Liebe Kiwimama,
    Hab deinen Beitrag/Blog gerade erst entdeckt, aber möchte dennoch gerne ein paar Worte zu deinem Post hinterlassen! … Du sprichst mir aus der Seele! Es ist auch gerade für meine Eltern – also eine andere Generation- oft schwierig damit umzugehen! Sie machen sich sehr viele Sorgen darüber, ob ich nicht zu viele Informationen preis gebe.
    Ich kann nur hoffen, dass es für meine Tochter irgendwann so in Ordnung sein wird und versuche gut auszuwählen, was ich preis gebe!
    Vielen Dank für Deinen Post – hat wieder Mut gemacht!:-)
    Liebe Grüße
    Ariane

    1. Liebe Ariane,

      ich glaube, gerade für die älteren Generationen ist sowas auch wirklich schwer nachzuvollziehen. Dass dieser Blog für Kiwi okay ist, hoffe ich auch sehr. Ich glaube aber, dass es wirklich sehr auf das „was“ und „wie“ ankommt. Das im Blick zu haben, so wie du es ja auch tust, ist ganz wichtig.

      Ich freue mich sehr, dass dir mein Geschreibsel Mut gemacht hat, sowas hört man immer gerne 🙂

      Alles Liebe
      Steffi

  4. Liebe Kiwimama,

    schöner Text, der ziemlich genau auch meine Gedanken widerspiegelt. Mir geht es genauso: Ich veröffentliche auch keine Fotos meiner Kinder und auch ihre Namen kennen meine Leser nicht. Mir ist das sehr wichtig, zum einen, um sie zu schützen und zum anderen auch, um ihnen nicht eines Tages das Gefühl zu geben, ich hätte sie genutzt, um mich irgendwie in der Öffentlichkeit zu profilieren.

    Vielleicht magst du ja auch mal meinen Text zu #regrettingbloggerhood anschauen: https://raiseandshine.de/2016/04/10/zeilen-zwischen-zweifel-und-zensur/

    Auf weiterhin unbeschwertes Bloggen!

    Liebe Grüße

    Regine

    1. Hallo Regine,

      danke für den Link! Ich werd gleich mal reinschauen 🙂

      Alles Liebe
      Steffi

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