Leben wie ein Einsiedler

Entspannung

„MAAAAAMAAAAA! Biiiiiist du?!“

Ein wenig genervt lasse ich die Kaffeetasse sinken und atme einmal tief ein. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf, einfach nicht zu reagieren, doch das schlechte Gewissen siegt und schon rufe ich zurück:

„Hiiiiiier!“

Ich höre Schritte. Kurz darauf öffnet sich die Tür zu meinem Arbeitszimmer. Mein Mann steht in der Tür, auf seinem Gesicht ein entschuldigender Ausdruck, zu seinen Füßen meine kleine Kiwi, die augenblicklich auf mich zustürmt und mein Bein umklammert.

„Mama, Arm!“, fordert das kleine Wesen zu meinen Füßen und streckt mir seine Hände entgegen.

Ich pausiere das Video, das ich mir gerade angesehen hatte, bringe den Kaffee außer Reichweite und hebe Kiwi hoch auf meinen Schoß.

„Tut mir leid, sie wollte ständig zu dir. Ich konnte sie kaum ablenken“, meint mein Mann bedrückt und kommt zu uns ins Zimmer.

Ich lächle ein wenig zerknirscht und bringe ein „Ist schon gut“ über die Lippen. Ich weiß, dass er alles versucht hat.

Kiwi windet sich währenddessen schon wieder aus meinem Arm zurück auf den Boden, schnappt sich meine Hand und ruft: „Mama mit!“

„Nein, komm, lass Mama doch einmal in Ruhe. Ich gehe mit!“, versucht es mein Mann, aber keine Chance.

„Mama mit! Mama MIT! Mama MIIIIT!“

Kiwi ignoriert die ausgestreckte Hand ihres Papas und zerrt stattdessen an meiner.

Vorbei ist das, was eigentlich meine kurze „Auszeit“ hätte sein sollen.

 

„Du musst mehr rausgehen! Abends einfach mal wegfahren, ich pass auf und du entspannst dich mal ein bisschen“, höre ich am Abend meinen Mann sagen, während ich völlig erschöpft auf dem Sofa liege. „Wenn du hier bist klappt das einfach nicht so gut mit Kiwi.“

Ich nicke und schweige. Wahrscheinlich hat er recht.

Für den nächsten Samstag nehme ich mir einen Shoppingtrip gemeinsam mit meiner Mutter vor, das wollten wir schon länger mal wieder machen. Der Tag ist wirklich total schön. Irgendwann am späten Nachmittag komme ich zufrieden nach Hause.

„Und? Jetzt hast du dich bestimmt richtig gut erholen können, oder?“, fragt mich mein Mann freudig. Ich horche in mich hinein. Der Tag war schön, keine Frage. Dringend mal wieder notwenig, mal ein wenig den Kopf frei zu bekommen.

Aber warum fühlt sich mein Akku dann kein bisschen mehr aufgeladen an als zuvor? Im Endeffekt habe ich doch jetzt genau das befolgt, was einer Mama immer geraten wird, wenn sie sich erschöpft fühlt: Me-Time! Rausgehen! Etwas unternehmen ohne Kind! Und Sie werden sich fühlen wie ein neuer Mensch!

Warum klappt das denn bei mir nicht?

Kurze Zeit später ereilt mich eine Art Offenbarung in Form einer alten Folge Gilmore Girls.

In dieser Folge ist Rory, eine der Protagonistinnen der Serie, einen Abend allein zu Hause – ohne ihre Mutter. Und was hat sie an diesem Abend vor? Richtig! Sie schmeißt eine riesige Party…. macht die Wäsche und will ihrer eigenen Aussage nach heute mal „so leben wie ein Einsiedler“.

Keiner ihrer Freunde versteht ihre Begeisterung für den Gedanken, sich zu Hause einfach mal einzuigeln, im Schlafanzug die Wäsche zu machen, sich Essen zu bestellen und das Haus nicht zu verlassen. Ich hingegen verstehe sie zu 100%.

Schon als Kind war ich gerne einfach nur zu Hause. Nicht jeden Tag und nicht andauernd, aber immer mal wieder brauchte ich das einfach. Ich kann mich sogar daran erinnern, in mit Verabredungen besonders vollgepackten Wochen meinen Freundinnen, die an Tag X irgendetwas mit mir machen wollten, einfach zu erzählen, ich hätte keine Zeit, nur um ein wenig Zeit für mich zu haben. Partys fand ich schon als Jugendliche zwar cool, aber wenn war auch nicht böse darum, wenn hier und da doch mal ein Termin abgesagt wurde. Ich brauchte diese abgeschotteten Tage einfach irgendwie. Meist verbrachte ich meine Zeit dann mit solchen Dingen wie zeichnen, schreiben oder lesen.

Und genau das fehlte mir nun ganz extrem!

Mal entspannt ein Buch lesen oder sich irgendwie kreativ beschäftigen? Wie denn, wenn der „Kiwi-Empfang“ ständig eingeschaltet ist? Dabei wären die Voraussetzungen da, sich mal einfach etwas zu entspannen. Mein Mann passt auf die kleine Maus auf, bei ihm ist sie in den besten Händen. Da kann man sich doch einfach in einen ruhigen Raum zurückziehen und ein wenig lesen… oder?

Fehlanzeige, denn was ich tatsächlich mache ist mit einem Ohr ständig zu horchen, ob es Kiwi denn auch wirklich gut geht. War da nicht ein Weinen? Oh nein… das klingt nach einem Wutanfall. Ob mein Mann wohl jetzt wirklich damit klar kommt? Hat sie eigentlich schon was gegessen? Oh süß, jetzt machen die beiden Quatsch. Oh je, jetzt wollen sie spazieren gehen. Bei dem Wetter? Ich höre die beiden nach Kiwis Schuhen suchen und rufe ein „Die sind oben in ihrem Zimmer!“ hinunter. Mist, wollte ich mich nicht entspannen? Ist Kiwi auch warm genug angezogen? Ach bestimmt… Oh, der Anzieh-Kampf beginnt… Ok, jetzt sind sie los, schnell Kopf ausschalten!

Dass das so nicht funktionert, sollte jedem klar sein.

Was also tun?

Tatsächlich hatte ich vor einigen Wochen bereits ein Erlebnis, das mir eigentlich schon viel früher hätte aufzeigen müssen, was ich denn nun wirklich tun muss, um meinen persönlichen Akku wieder aufzuladen.

Ich arbeitete zu der Zeit an einem selbstgemalten Bild für Kiwis Zimmer. Mein Mann brachte sie gerade ins Bett und ich wollte in der Zeit ein wenig mit meiner Zeichnung weitermachen. Weil ich dazu aber immer (laute) Musik brauchte, schnappte ich mir kurzerhand Kopfhörer und machte mich an die Arbeit. Als meine bessere Hälfte eine Stunde später nach unten kam (er war gleich mit eingeschlafen) und ich die Kopfhörer abnahm, fühlte ich mich wie ausgewechselt. Ich war wach, erholt, ausgeglichen und hatte wahnsinnig gute Laune, die noch einige Tage anhielt.

Meine To Do – Liste wird also für die nächste Zeit explizit die Nutzung guter Kopfhörer beinhalten. Außerdem werde ich mir wieder vermehrt kreativen Ausgleich verschaffen – und auch einfach mal meinen Mann mit Kiwi zu den Schwiegereltern schicken 😉

Ich bin gespannt, ob es etwas bringen wird!

Kennt ihr das auch? Wie und wo ladet ihr euren Akku wieder auf? Braucht ihr Trubel und viele Menschen, um Energie zu tanken oder seid ihr auch eher von der „Einsiedler“-Sorte? 😉 Und ganz wichtig: Habt ihr vielleicht Tipps für mich und für andere, um sich ein bisschen Me-Time zu verschaffen? Immer her damit!

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18 thoughts on “Leben wie ein Einsiedler

  1. Oh da sind wir wohl vom gleichen Schlag. Ich gehe zwar auch gerne Mal weg und lade den Akku auf, wenn ich mich mit Freunden treffe. Aber ich genieße es auch mal einfach zu Hause zu sein.
    Ich hoffe du kommst zukünftig zu mehr metime.
    LG Wiebke

  2. Als meine Kind klein waren, da gab es bei uns einen KINDERLADEN. Da konnte man seinen nachwuchs (samt Windeln, Keksen und Flaschen) für einieg Zeit abgeben. ich habe das einmal pro Woche genutzt und bin in dei Sauna gegangen. Das war nicht nur für mich gut. Meine Kinder haben sich daran gewöhnt, dass die Mama zwar nich immer da ist … aber immer wieder kommt.

  3. Wie schön, wieder von dir zu lesen!

    So eine Shoppingtour kann ja auch ziemlich anstrengend sein, also ich bin jedenfalls auch in kinderlosen Zeiten von einer Shoppingtour eher müde und k.o. nach Hause gekommen als erholt. 😉 Ein entspannendes Bad (ich verlose übriges noch bis heute Abend ein Set von Weleda, inklusive Landel-Entspannungsbad) *sorry für die Werbung, aber das passt gerade so gut für dich* oder Sofa, Wolldecke, Tee und ein gutes Buch sind da schon besser geeignet, finde ich. Ich mach das auch immer falsch, denn meine Außer-Haus-Me-Time verbringe ich meistens beim Pferd und komme dann ziemlich k.o. nach Hause. Und In-Haus-Me-Time an der Nähmaschine oder am Laptop geht auch nur gut, wenn das Kind nicht da ist, sonst stehen die entweder ganz schnell in der Tür und rufen nach mir, oder ich höre vom Flur leise Anziehgeräusche und springe sofort auf, weil ich doch schon ganz genau gehört habe, dass das nicht der Reißverschluss der warmen Winterjacke war, sondern der der viel zu dünnen Fleecejacke. Am besten klappt es mit der Entspannung, wenn Papa und Kind unterwegs sind und ich dann auch weiß, dass sie frühestens in zwei oder drei Stunden zurück sind. So wie letzte Woche, da sind sie mit der Hafenfähre nach Finkenwerder und zurück gefahren, hatten jede Menge Spaß und ich hatte Zeit für mich. Na gut, ich hab Weihnachtsgeschenke eingepackt, aber zu wissen, dass das endlich erledigt ist, entspannt mich auch. 🙂

    Vielleicht könnt ihr ja regelmäßige Papa-Tochter-Ausflüge verabreden, und wenn es erstmal nur 1x pro Woche ist. Dein Mann und Kiwi werden die Zeit genießen und du kannst dich dann schon Tage vorher auf die Freizeit freuen. Ob du dann in der Badewanne liegst, oder fernsehend Wäsche zusammenlegst, ist dann dir überlassen.

    Habt eine entspannte Adventszeit! <3

    1. Ich hab mich gerade schlapp gelacht, als ich die Sache mit den Reißverschlüssen gelesen hab! Jaja, der Mama-Empfang ist eben echt sehr frein eingestellt 😉 Deinen Tipp mit den Papa-Tochter-Ausflügen werden wir auf jeden Fall befolgen, da hab ich mit meinem Mann schon drüber gesprochen. Tausend dank dafür! 🙂

      Euch ebenfalls schöne Adventstage!

  4. Ich bin die absolute Einsiedler-Sorte und kann mich wirklich NUR dann entspannen, wenn ich allein zuhause bin. Das klappt weder, wenn die Kinder zuhause sind und mein Mann sich kümmert, weil ich dann nie weiß, wann ich wieder eingefordert werde, noch wenn ich rausgehe. Rausgehen ist auch wichtig, ist aber keine Erholung. Es hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe.
    Da wir leider niemanden haben, wo ich meinen Mann mal mit den Kindern hinschicken kann (keine Familie) und er sich auch nicht mit Freunden mit Kindern verabredet, muss er raus und mit den Kindern was unternehmen. Das passiert aber sehr selten, erst recht im Winter. Und ihn aktiv rausschicken, das schaffe ich auch nach fast 6 Jahren Mamasein noch nicht. Mich rettet mein freier Montag, das sind 7 Stunden allein zuhause. Wenn das wegfällt (durch Kindkrank oder so), gehe ich am Stock.
    Also, ich kann Dich absolut verstehen. Wenn ihr die Schwiegereltern in der Nähe habt, dann schicke ihn doch tatsächlich regelmäßig mit Kiwi dorthin. Das bietet sich ja an. Zusammen im Haus/in der Wohnung bringt das gar nichts, auch wenn sich der Papa alle Mühe gibt. Man kann einfach nicht abschalten.
    Liebe Grüße!

    1. Ja, irgendwie hat es bei mir auch ganz schön gedauert, bis ich nun dahinter gekommen bin, was ich wirklich brauche. Aber wann hört/liest man schon den Tipp sich ganz alleine zu Hause einzuigeln? Meistens heißt es dann ja irgendwie doch immer, dass man irgendwas unternehmen soll.

      Keine Familie in der Nähe ist natürlich noch eine Ecke härter. Wie du schon geschrieben hast, stell ich mir das auch gerade im Winter schwierig vor. Aber dein freier Montag klingt traumhaft! 🙂

      Ich habe gestern mal mit meinem Mann gesprochen und wir wollen es jetzt wirklich mal probieren, dass er ein Mal pro Woche mit Kiwi zu seinen Eltern (oder irgendwo anders) hinfährt. Ich bin sehr gespannt auf meinen freien Nachmittag! 🙂

      Liebe Grüße
      Steffi

  5. Huhu kiwi Mami! Hier Pfirsich Mami! Hatte dir ja erzählt das ich klein Pfirsich bei der Tagesmutter habe …. Davon ist ein Tag nur für mich…. sprich ich bin ja auch so ein Einsiedler Krebs wobei ich gerne Nintendo spiele oder lese oder einfach zum Pferd fahre… Und das ohne Pfirsich… Wenn du zu hause bist und dein Mann auch… Wirst du immer hin hören …. Das war oder ist bei mir auch so …. Im Januar hab ich eine Zahn OP … Und dann wird klein Pfirsich auch auswärts mal schlafen! Das braucht man mal auch …. Pfirsich war bis jetzt ja nur ein einziges Mal auswärts schlafen… Aber du glaubst gar nicht wie das deine Reserven für Monate auffüllt! Liebe GRÜSSE

    1. Das klingt super und das werde ich ab sofort auch versuchen verstärkt einzubauen. Wir waren ja vor einigen Monaten mal in Hamburg auf einem Konzert und haben dann da im Hotel geschlafen – wahnsinn, was das mit den Energie/- und Schlafreserven gemacht hat! Und Kiwi hatte währenddessen eine schöne Zeit bei ihrer Omi. Ich glaub, das werden wir im Januar irgendwann auch noch mal wiederholen 🙂

      Liebe Grüße
      Steffi

  6. Ich brauche das auch. Allein für mich etwas tun. Ich mach was kreatives. Dabei kann ich den Kopf abschalten. Der Mann geht Samstag Vormittag mit den Kindern einkaufen. Oder kleine Besorgungen erledigen. Auf den Spielplatz. Und ich verzieh mich an den Basteltisch. Perfekt.
    Viele Grüße, Anne.

    1. Basteln stelle ich mich auch echt entspannend vor! Ich wünsche mir zu Weihnachten eine Nähmaschine, um noch eine kreative Möglichkeit zur Entspannung zu haben. Mal gucken, ob’s was bringt! 🙂

  7. Meine Gedanken beim Lesen: da schreibt ja die liebe Kiwimama über mich! Ich bin auch so ein Mensch, der immer mal wieder seine absolute Ruhe braucht, am liebsten auch zuhause 🙂

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