Ihr wart keine schlechten Mütter!


Ich

Liebe Mama,

ich glaube, manchmal hast du dir das Leben mit deiner dritten Enkelin ein wenig anders vorgestellt. Ein bisschen einfacher und unkomplizierter vielleicht. Immerhin hast du selbst bereits drei Kinder großgezogen und ebenfalls zwei weiteren Enkeltöchtern beim Aufwachsen geholfen.

Doch tatsächlich höre ich in letzter Zeit immer häufiger den leicht zögerlich klingenden Satz „Ja, das macht man heute wohl so…“ von dir. Ich merke, wie du versuchst, alles nachzuvollziehen und zu verstehen, was ich anders handhabe, als du es vielleicht getan hast. Ich merke, dass du mit einigen Dingen manchmal nicht ganz einverstanden bist, sehe häufiger jedoch deine Zustimmung und ab und an auch ein Gefühl bei dir, dessen Anblick mir in der Seele wehtut – Verunsicherung.

Von Zeit zu Zeit erreichen mich deine Tipps mit dem vorsichtigen Anhang „…oder macht man das heute nicht mehr so?“ und ich glaube, manchmal mischt du dich auch lieber gar nicht ein.

Ja, es stimmt. Ich mache ein paar Dinge anders, als du es früher gemacht hast. Beim Thema Ernährung oder zu kalte/ zu warme Kleidung sind wir uns manchmal nicht ganz einig. Ich glaube, auch unser Floor Bed ist dir nicht ganz geheuer. Meine Erklärungen zu diesen Dingen hörst du dir jedoch stets geduldig an und ab und an merke ich, wie du selbst ins Grübeln verfällst. Manchmal sagst du sogar Sätze wie „Ja, hätte man das früher mal schon gewusst…“ oder „Das hätte ich früher auch machen sollen…“.

In diesen Momenten stellst du dich selbst und deine Erziehung in Frage und ich stehe neben dir und denke an meine Kindheit zurück.

Wenn ich Bilder aus früheren Zeiten so an meinem inneren Auge vorbeischweben sehe, sind diese stets umrahmt von einem warmen, wohligen Leuchten. Ich sehe mich selbst im Wohnzimmer spielen, eingehüllt in einen Mantel der Geborgenheit, der Zuneigung und unendlicher Liebe. Ich fühlte mich immer sicher, immer angenommen, so wie ich war. Ich wusste mit absoluter Zuversicht, dass ich dir alles, aber auch wirklich alles anvertrauen konnte und immer ein offenes Ohr bei dir finden würde. Du hast mich getröstet, wenn ich traurig war, gabst mir Sicherheit, wenn ich sie brauchte und nahmst mich ernst, wenn ich nach Eigenständigkeit verlangte.

Obwohl du selbst keine schöne Kindheit hattest, hast du nichts davon an mich und meine Geschwister weitergegeben. Im Gegenteil: Du wolltest es besser machen! Und das hast du auch geschafft. Trotz allen unglaublich schwierigen Rahmenbedingungen und obwohl du mich nach einiger Zeit allein großziehen musstest, mit wenig Geld und wenig Hilfe, hast du mir eine Kindheit beschert, um die mich so manch anderer beneiden würde.

Ich meine, sieh mich an auf dem Bild! Ein IronMaiden-Shirt tragendes, blumenbekränztes, breit grinsendes kleines Mädchen mitten im Grünen, mit Piratenfahne und Bäumen zum Beklettern im Hintergrund. So stelle ich mir Kindheit vor!

Ich weiß bis heute nicht, wie du das unter all den Umständen geschafft hast und ich zolle dir unglaublich großen Respekt für diese Leistung.

Du bist mein Vorbild.

Früher, vor der Geburt meiner Tochter, war es mein festes Ziel einmal eine so gute Mutter zu werden, wie du es warst und bist. Ich war damals so naiv zu glauben, dass ich das auch sicherlich schaffen könnte. Heute weiß ich: Ich gebe mein Bestes dir nachzueifern, meiner Tochter genau so viel Liebe, Aufmerksamkeit, Neugier und Selbstbewusstsein mitzugeben, wie du es bei mir getan hast, aber ich sage dir heute ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich all dies so gut hinbekomme, wie du.

Ob du mir also nun schon früh Bananenbrei gemacht hast, mich zuckerhaltige Säfte trinken lassen hast, mich mit blinkendem, bunten Plastikspielzeug spielen ließt, mir mal „ein Brötchen in die Hand“ gabst oder dafür sorgtest, dass mir mal eher zu warm, als zu kalt war – das alles mag vielleicht von einigen Seiten heute eher nicht so gern gesehen werden und ich mache Vieles anders, aber, und das ist mir so unglaublich wichtig – das macht dich nicht rückblickend zur „schlechten Mutter“. Und das macht es auch all die anderen Gehfrei- und Türhopsernutzenden, nicht stillenden oder kuchengebenden Mütter nicht! Weder damals, noch heute.

All das sind Kleinigkeiten. Nichts davon ist so wichtig, als dass es eine Mutter an sich selbst und ihren Entscheidungen für ihre Kinder zweifeln lassen sollte.

Ihr alle wart (und seid) keine schlechten Mütter!

Tatsächlich wart (und seid) ihr die besten, liebevollsten und fürsorglichsten Mütter, die wir uns hätten wünschen können. Und dafür danken wir euch! Von ganzem Herzen.

Und wenn meine kleine Tochter eines Tages auf ihre eigene Kindheit zurückblickt und nur den Bruchteil der Liebe und Geborgenheit in sich spürt, die ich kennenlernen durfte, dann habe ich meine Aufgabe gut gemacht.

Ich hoffe es sehr.

Alles Liebe und danke dafür, dass du mir geholfen hast zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin

deine Tochter

 

6 thoughts on “Ihr wart keine schlechten Mütter!

    1. Vielen Dank 🙂
      Ja, meine Mama hat ihn gelesen und ihr ging es wie dir. Sie hat einige Tränchen verdrückt (und ich bin natürlich ganz cool geblieben *räusper*… oder auch nicht so ganz 😉 ).
      Mir war es so wichtig, diese Gedanken mal aufzuschreiben. Kommt dann ja in manchen Situationen doch nicht immer so rüber, was man nun genau denkt.
      Ich find’s toll, dass du auch eine ganz tolle Beziehung zu deiner Mama zu haben scheinst. Da wird mir immer ganz warm um’s Herz 🙂

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