Einer dieser Tage…

Sie:

Ich wollt, ich wär…

 

Verdutzt schlage ich die Augen auf. Da war ein Geräusch. Kiwi?

Mein Blick zuckt zum Babyphone, aber das ist ruhig. Erst danach werde ich mir dem schwachen Licht der Handytaschenlampe bewusst, das in unseren Kleiderschrank leuchtet. Mein Mann steht verschlafen davor und zieht ein Hemd heraus. Ach so, er muss aufstehen.

Noch ein wenig benommen schließe ich wieder meine Augen und höre kurz darauf die Dusche aus dem Badezimmer nebenan. Ich seufze bei dem Gedanken an eine ganz selbstverständliche, ungestörte, warme Morgendusche und frage mich gleichzeitig, wann ich wohl heute dazu kommen werde, mir die Haare zu kämmen oder die Zähne zu putzen.

Kurze Zeit später erwache ich erneut. Mein Mann steht am Bett neben mir. Schick wie jeden Morgen in einem seiner schwarzen Anzüge und schlichtem Hemd.

„Ich fahr jetzt los“, flüstert er leise und gibt mir einen Kuss auf die Wange.

Er riecht so gut. Es ist eines meiner Lieblingsparfums, das er aufgetragen hat. Plötzlich schießt mir eine Szene durch den Kopf. Kiwi war noch sehr klein, ich wollte mal wieder Parfum auflegen und plötzlich begann sie ganz fürchterlich zu weinen, als ich sie auf den Arm nahm. Sie erkannte mich nicht. Erst da erfuhr ich etwas über den Geruchssinn von Babys. Parfum habe ich seitdem nicht mehr angerührt.

„Ja, okay, fahr vorsichtig“, murmele ich. „Du siehst schick aus!“

Er grinst, bedankt sich für das Kompliment und schleicht sich aus der Tür. Ich höre, wie er so leise wie möglich die Treppen nach unten geht, höre kurz darauf, wie sich das Garagentor öffnet und das Auto wegfährt. Wieder alleine im plötzlich viel zu großem Schlafzimmer.

Als ich erneut dabei bin, wieder einzuschlummern, meldet sich Kiwi durch das Babyphone. Zeit aufzustehen.

Einige Zeit später.

Ich husche ein wenig genervt zwischen Kinder- und Badezimmer hin und her. Kiwi ist heute irgendwie nicht gut drauf und so schaffe ich es nur etappenweise, mich fertigzumachen. Ich muss zumindest die Tür öffnen können, denn wir bekommen heute definitv ein Paket. Meine erlesene Klamottenauswahl beschränkt sich dabei auf die Jogginghose, die ich gestern achtlos über den Badewannenrand geworfen hatte und das erstbeste T-Shirt, das ich aus dem Schrank ziehe. Ich schaffe es noch irgendwie mit einer Hand meine Zähne zu putzen, während ich mit der anderen Hand mit Kiwi spiele. Zum Haarekämmen komme ich nicht mehr und mache mir schnell einen Zopf. In meinen Gedanken schweben durchgestylte Frauen auf High Heels und frisch rasierte Männer in Designeranzügen über die Büroflure. Ich seufze, klemme mir die Haarsträhnen, die es nicht in den Pferdeschwanz geschafft haben, hinter die Ohren und schlurfe in meinen Hausschuhen nach unten in die Küche, um Kiwis Essen zu machen. Den Blick in den Spiegel lasse ich lieber ausfallen.

Es ist 12 Uhr. Kiwi quengelt und hat Hunger. Ich auch, aber das ist erst einmal Nebensache. Mist, ich hatte vergessen, den Brei zum Auftauen in den Kühlschrank zu stellen. Während dieser laaaaangsam auf leichter Hitze in der Mikrowelle auftaut, versuche ich, Kiwis schlechter Laune durch Grimassenschneiden entgegenzukommen. Es klappt. Die kleine Maus gluckst fröhlich vor sich hin, nur, um augenblicklich wieder in lauten Protest zu verfallen, als die Mikrowelle piept und ich versuche, so schnell wie möglich das Öl in den Brei zu geben und alles für Kiwis Mittagessen vorzubereiten.

Als sie endlich vor mir sitzt, streckt sie sich mir schon mit weit geöffnetem Mund entgegen. Der Brei heute scheint ihr zu schmecken. Während die Sonne warm durch das Fenster scheint, inspiziert Kiwi neugierig ihre Umgebung, isst und gibt dabei zufrieden schmatzende Laute von sich. Ich beobachte sie selig. Mein Magenknurren durchbricht die friedliche Stille.

Zum Essen komme ich erst, als Kiwi ihren Mittagsschlaf macht. Mittlerweile habe ich jedoch gelernt: Kochen um diese Zeit? Keine Option. Entweder wird Kiwi währenddessen wach oder aber genau in dem Moment, in dem das Essen fertig wäre. Kurz denke ich an das Kantinenessen, von dem mir mein Mann gestern erzählt hatte. Es gab Sauerbraten mit Rosinensoße, Kartoffelklößen, Rotkohl und drei verschiedene kleine Pralinenkuchen zum Nachtisch. Mir muss heute eine Schale mit Müsli reichen.

Während ich diese mit Babyphone neben und Notebook inklusive laufenden YouTube Videos vor mir verspeise, gehe ich im Kopf schon einmal durch, welche Dinge ich gleich definitv erledigen muss und welche ich erledigen könnte, sollte Kiwi wider Erwarten etwas länger schlafen. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ganz in Ruhe und ohne Stress richtiges Mittagessen zu dieser Zeit unter der Woche gegessen? Ich kann mich nicht erinnern.

Der Nachmittag zieht sich dahin. Kiwi ist noch immer eher schlecht gelaunt und ich glaube, dass sie krank wird. Sich in diesem Zustand von ihr zu entfernen, um ein wenig aufzuräumen, ist nicht möglich. Also sitze ich auf dem Boden neben ihr, reiche ihr ihr Spielzeug, lese ihr aus ihren Lieblingsbüchern vor, höre mit ihr Musik oder erkunde mit ihr das Haus. Seit einiger Zeit müsste ich eigentlich mal auf die Toilette, aber Kiwis Laune hatte sich gerade wieder gebessert, das will ich nicht wieder zerstören.

Irgendwann ruft Kiwipapa an und teilt mir mit, dass er etwa 10 Minuten später nach Hause kommt. Ich versuche, nicht allzu genervt zu reagieren, aber es fällt mir heute zugegebener Maßen schwer. Gegen Ende der Woche bin ich oft ziemlich erschöpft und so ein Tag wie heute nagt zusätzlich an meinen Nerven. Kiwi spielt mittlerweile vergnügt vor sich hin und ich starte einen erneuten Versuch, mich einige Meter von ihr zu entfernen. Sofort protestiert sie laut und deutlich. Ich setze mich wieder zu ihr und zähle die Minuten.

Als ich höre, wie sich das Garagentor öffnet, bin ich erleichtert. In der Regel versuche ich, mich zurückzuhalten und Kiwi nicht sofort an meinen Mann weiterzureichen. Immerhin kommt er ja auch gerade von der Arbeit. Aber heute geht es nicht anders. Ich drücke ihm die kleine Maus keine Minute später in die Arme und husche auf die Toilette, um meine Blase vor dem Platzen zu bewahren. Als ich höre, wie mein Mann damit beginnt, ausgelassen und enthusiastisch mit Kiwi zu spielen, bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen. Meine Interaktionen mit der kleinen Maus waren in der letzten Stunden eher ziemlich unmotiviert. Der Tag heute hat mich einfach zu sehr geschafft.

Ich sinke auf die Couch und schalte die nächste halbe Stunde völlig auf Durchzug. Jetzt einmal kurz runterkommen. Einmal keine Bereitschaft haben. Einmal keine Verantwortung…

Kurz darauf sage ich Kiwi gute Nacht. Wir grinsen uns über die Schulter meines Mannes hinweg an, als dieser sie nach oben bringt, um sie schlafen zu legen. Ebenso grinsend kommt sie nach einiger Zeit wieder mit Kiwipapa die Treppe nach unten.

„Könntest du es versuchen? Sie will irgendwie nicht einschlafen…“

Also lege ich mich mit Kiwi nach oben in ihrem Zimmer in ihre Kuschelecke und warte dort, bis sie so fest eingeschlafen ist, dass ich mich rausschleichen kann. Nach drei Versuchen schaffe ich es.

Unten angekommen falle ich erschöpft auf den Stuhl und werfe meinem Mann einen Blick mit einer Mischung aus Neid und Vorwurf zu, während er vor mir sitzt, ganz entspannt einen Kaffee trinkt und mit seinem Smartphone herumspielt.

Und? Wie war dein Tag so?“, knurre ich – ein wenig bissiger als gewollt – und beginne damit, die Küche nach irgendetwas Essbarem zu durchsuchen.

—–

Er:

Ich wünscht, ich wär…

 

Ein Rauschen im Babyphone und ein kurzes Seufzen von Kiwi, gefolgt von dem Rascheln ihres Schlafsacks. Danach Stille. Ich horche im Halbschlaf noch ein wenig nach, auch, wenn ich gar keinen „Babyphone-Dienst“ habe, doch Kiwi ist wohl wieder eingeschlafen – und ich kurz darauf auch. Diese kleinen Babyphone-Sounds sind die ersten Vorboten des Morgens, denn Kiwi ist nun langsam in ihrer Aufwachphase.

Deutlich lauter als unsere kleine Tochter nebenan und mit einem auch für mich stärkeren Apell ist mein Handy-Wecker. Ich weiß nun genau: In 10 Minuten kommt der 5:45 Weckton, bei dem ich dann endgültig wach werden muss. Da der gestrige Abend wieder so schön entspannend war, sind wir auch relativ spät ins Bett gegangen. Mir graut es schon vor dem Aufstehen… Und schon kommt der zweite Klingelton. Ab aus dem Bett.

Mit Hilfe der Handyfunzel hole ich mir Klamotten aus dem Schrank und gehe ins Badezimmer. Leider ist es noch sehr kalt, weil die Heizung gerade erst angegangen ist. Wollte ich das nicht nochmal ändern? Naja, erstmal duschen, um einigermaßen wach zu werden und dann zu Ende fertig machen. Anschließend bekommt der Kiwikater sein Futter und ich hole Brötchen. Schließlich muss Kiwimama auch was zu essen haben. Frühstück lasse ich ausfallen. Immerhin habe ich noch etwas Müsli, das ich beim ersten Mails-Checken auf der Arbeit essen kann, doch den Kaffee für den Termobecher mache ich noch fertig. Dann noch schnell meiner Frau Tschüss sagen und sie darum beneiden, dass sie noch liegen bleiben darf. Ab ins Auto und auf zur Arbeit!

Die Routine nach dem Umzug und der damit einhergehenden neuen, längeren Fahrzeit hat sich inzwischen eingestellt. Ich komme pünktlich auf der Arbeit an, lese Mails vom Vortag und plane den Tag. Da ich möglichst früh wieder zu Hause sein möchte, um noch etwas von Kiwi zu haben, bin ich einer der ersten. Weil die Kollegen meist erst später kommen und auch länger bleiben, muss ich manchmal über Termine diskutieren, doch da finden wir eigentlich immer eine gute Lösung. Dieses Balancieren zwischen Job und Privatleben ist aber dennoch jeden Tag präsent. Geht es Kiwimama und Kiwi gut? Die letzte Nacht war ja ordentlich was los. Hmm… Vielleicht rufe ich zwischendurch mal an? Oder wecke ich die beiden dann? Mal schauen.

Um 08:30 geht das erste Meeting los und fordert nun meine volle Aufmerksamkeit. Die nächsten Termine schließen sich an bis Mittags und in jedem muss ich auch noch einen aktiven Part übernehmen. Das schlaucht!

Mittags gibt es dafür in der Kantine was richtig Leckeres zu essen, aber auch das muss schnell gegessen werden. 20 Minuten für Anstellen und Essen müssen reichen.

Anschließend geht es genauso weiter wie es aufgehört hat. Ich wäre viel lieber bei der kleinen Kiwi, um mit ihr an ihrem Ballgefühl zu arbeiten, aber das Spielen am frühen Nachmittag geht ja leider nur am Wochenende. Darüber kann ich allerdings nicht lange nachdenken, denn die Kollegen warten schon. Das Meeting wird von mir moderiert, aber heute ist es nicht ganz einfach, die Diskussion zum Ziel zu führen. Bei der anschließenden Nachbereitung sitze ich endlich auch mal wieder an meinem Schreibtisch.

Zumindest kurz, denn es folgt der letzte Termin des Tages, der genau bis zu meiner selbst gesetzten Feierabend-Deadline geplant ist. Gerade am Ende des Tages ist es ganz schön anstrengend nochmal Kopf und Aufmerksamkeit zu mobilisieren. Leider zieht sich der Termin etwas hin, sodass ich Kiwimama darüber informiere, 10 Minuten später zu kommen. Zum Glück ist das noch im Rahmen, manchmal dauert es noch länger bis ich da bin und das tut mir immer mächtig leid. Einerseits, weil ich Kiwi dann vielleicht nur noch sehr kurz oder gar nicht sehe und andererseits weil ich nicht weiß, ob meine Frau einen anstrengenden oder easy-Tag hatte.

Dann ab zurück nach Hause!

Dort angekommen reicht mir Kiwimama gleich das kleine, süße Baby entgegen, das mich schon aus ganzem Herzen anstrahlt. Jeden Tag wieder toll! Also schnappe ich mir unsere Tochter und ziehe mich um, während sie auf dem Teppichboden im Schlafzimmer spielt. Leider schlägt ihre Stimmung recht schnell um, denn Kiwi bekommt um diese Zeit immer Hunger. Wir spielen zusammen und sie verlangt jede Sekunde nach Aufmerksamkeit. Ganz schön anstrengend – vor allem nach einem solchen Tag – und manchmal muss ich mich auch selbst wieder bewusst „wecken“, um jetzt auch meiner Tochter gerecht werden zu können. Anschließend mache ich Kiwis Abendbrei. Spätestens jetzt quengelt sie sehr viel herum, denn ich kann nicht jeden Schritt mit ihr auf dem Arm erledigen. Ist das Essen endlich fertig und unser beider Geduldsfaden ziemlich am Ende, isst Kiwi und ihre Stimmung hellt sich schlagartig wieder auf. Sie strahlt mich an und wir machen auch ordentlich Quatsch. Der neuste Trend in Kiwis Repertoire: Nase rümpfen!

In den Quatsch reiht sich nun allerdings auch beherztes Augenreiben ein und ich bringe Kiwi ins Bett.

Zumindest war das der Plan, aber Kiwi will einfach nicht einschlafen und fängt trotz vielfältiger Beruhigungsversuche an zu weinen. Schade, heute will sie wieder nicht bei mir einschlafen. Dann muss Kiwimama halt ran, die ist eben doch die Bezugsperson Nummer 1. Klar, wenn ich so oft weg bin. Ein bisschen beneide ich sie schon darum, dass sie diejenige ist, die Kiwi beruhigen kann, wenn es hart auf hart kommt.

Ein wenig frustriert gehe ich nach unten und Kiwimama nach oben ins Kinderzimmer. Zwei Minuten lasse ich mich aufs Sofa fallen. War doch ein anstrengender Tag. Nun erstmal die Küche aufräumen und danach kurz einen Kaffee trinken.

—–

„Ganz schön anstrengend, und deiner?“

Wir sehen uns kurz feindselig in die Augen und rüsten uns innerlich für einen kleinen Streit. Dann jedoch, werden wir uns der Erschöpfung im Gesicht des jeweils anderen bewusst.

„Auch“, ist die einzige Erwiderung.

Gefolgt von einer seufzenden, langen Umarmung.

4 thoughts on “Einer dieser Tage…

  1. Ach, vielen Dank für diesen Text, liebe Kiwi-Mama, das kenne ich so gut! Und auch eine schöne Gegenüberstellung der beiden ganz unterschiedlichen Tage bzw. Perspektiven – mit einem versöhnlichen Ende.

    Viele liebe Grüße, Küstenmami

  2. Bei zwei so unterschiedlichen Lebens- Arbeitswelten fällt es immer wieder schwer auch die Schwierigkeiten und Probleme aus der anderen „Welt“ erkennen zu können. Man ist eben so sehr in seiner eigenen kleinen Welt verhaftet. Der Blick über den Tellerrand fällt auch mir manchmal schwer. Auch noch nach 5 Jahren… Ich versuche dann immer meinen Blickwinkel zu ändern: von „… du hast aber heute gehabe und ich nicht…“ zu „… ich bin dankbar dafür, dass ich dies oder das heute erleben dufte. Was hast du heute erlebt? …“ Das hilft uns ganz ungemein.

    Wirklich toller Text, der beiden Seiten Raum gibt. Exemplarisch für viele Familien und mit einem versöhnlichem Ende <3 …

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    1. Da hast du recht, liebe Mother Birth, das ist wirklich nicht so einfach. Dein Tipp ist toll, den werden wir auf jeden Fall beherzigen 🙂
      Und vielen Dank für das Kompliment 🙂

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