Die Verleihung des Stillordens

Bio

 

„Stillst du?“

Seltsamerweise war das fast immer die erste Frage, als ich mich an diesem Wochenende mit einigen Verwandten getroffen habe. Auch vorher schon wurde ich oft nach Kiwis Ernährungsgewohnheiten gefragt, aber nie so gehäuft wie jetzt. In diesen Momenten bin ich immer heimlich erleichtert, die Frage bejahen zu können. Diese Information wird dann stets mit einem zufriedenen/anerkennenden/freundlichen Kopfnicken begrüßt. Ich darf mir also offiziell den inoffiziellen Stillorden verleihen. Natürlich ist es toll, wenn etwas so gutgeheißen wird, was man als Elternteil tut, wird man doch oft genug kritisiert oder angezweifelt. Und trotzdem geht mir jedes Mal der gleiche Gedanke durch den Kopf: „Was, wenn ich jetzt mit Nein antworten müsste?“

Würde sich das zufriedene Kopfnicken in ein missbilligendes Stirnrunzeln verwandeln? Müsste ich mich gar rechtfertigen? Diskutieren? Würde ich mit Mistgabeln und Fackeln vom Hof gejagt werden?

Jetzt mal ehrlich: Ja, es war mir wichtig zu stillen und ja, ich bin ein bisschen stolz darauf, dass es mittlerweile so gut klappt, denn das war ein ziemlicher Kampf. ABER…

Wieso bitteschön ist die Frage nach der Ernährungsweise meines Kindes etwas, das andere Leute so sehr interessiert und das scheinbar öffentlich diskutiert werden darf? Wieso ist es so wichtig für andere Leute zu erfahren, ob mein Kind nun gestillt wird oder nicht? Und wieso ernte ich für die Bejahung dieser Frage Zustimmung von den ehemaligen „Stillmüttern“ und – viel schlimmer! – Rechtfertigung von denen, die ihr Kind nicht gestillt haben? Wie idealisiert ist das Stillen in unserer Gesellschaft, wenn eine gestandene Person mir gegenüber plötzlich das dringende Bedürfnis verspürt, mir genau zu erklären, wieso sie ihr Baby damals nicht hatte stillen können oder wollen?

Natürlich ist stillen „das Beste für mein Kind“, wie es immer so schön heißt. Um die Vorteile des Stillens weiß ich Bescheid, sonst wäre es mir nicht so wichtig gewesen. Aber Kiwi wäre auch mit der Flasche ein zufriedenes und gesundes Kind geworden! Und wie schlecht müssen sich Mütter fühlen, die sich entweder gewollt oder ungewollt gegen das Stillen entschieden haben, wenn sie von außen solchen Fragen ausgesetzt sind? Warum ist es gerade das Stillen, das diesen Heiligenschein verliehen bekommt?

Die Frage könnte doch auch gut lauten: „Und? Kaufst du Bio?“.

Natürlich ist Biofleisch, -gemüse oder -obst sicherlich gesünder. Biogemüse oder -obst weniger gespritzt, besser für die Umwelt und für mich, Biofleischtiere haben ein „schöneres“ Leben als einige ihrer Artgenossen. Wer kann schon tatsächlich etwas gegen Bio haben (solange dieser Begriff auch wirklich das hält, was er verspricht)? Und trotzdem werde ich an der Supermarktkasse nicht skeptisch beäugt, wenn ich mein vermutlich gespritztes Gemüse kaufe. Bio zu kaufen wäre zwar sicherlich gut, aber es wird auch akzeptiert, dass vielleicht nicht jeder das Geld dafür hat. Oder einen Supermarkt in der Nähe, der auch Biofleisch führt. Oder sich einfach gar keine Gedanken dazu macht.

Ich wäre also dafür die Sache mit dem Stillen ein bisschen mehr so zu handhaben, wie den Kauf von Bioprodukten. Es wäre gut, aber es ist auch kein Beinbruch, wenn man es nicht tut!

3 thoughts on “Die Verleihung des Stillordens

  1. Gut zu wissen, dass es nicht nur mir so geht. Ich werde auch ständig gefragt, ob ich stille und wenn ich dann „Ja“ sage, gibt es ein anerkennendes Lächeln und ein „gut so“ als Antwort. Ich habe mich auch schon oft gefragt, was passieren würde, wenn ich mit „Nein“ antworten würde…

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