Die Tage vor der Geburt

IMG_4960

 

– Schwangerschaftsrückblick Teil V –

„Uuuuuuund? Wie geht es dir?“

Wie können in einer Frage so viele unterschiedliche Botschaften mitschwingen? Und wie konnte es passieren, dass ein einfaches „Wie geht es dir?“ in mir den Drang auslöste, mit Gegenständen um mich zu werfen? Oder mich im Bett zu verkriechen? Oder beides?

Ganz einfach, im Klartext hieß dieser Satz nämlich: Bist du aufgeregt? Hast du schon Wehen? Ist das Kind schon da?!

Nein, nein und nein zu allen diesen Fragen. Manchmal dachte ich, es wäre einfacher mit ein Schild um den Hals zu hängen: „Das Kind ist noch nicht geboren und ihr werdet es schon erfahren, wenn es soweit ist!“

Die Tage vor der Geburt waren eine reine Nervenprobe. In der Schwangerschaft hatte ich oft gelesen, dass man den tatsächlichen Entbindungstermin nur den engsten Angehörigen anvertrauen sollte – um den Druck zu nehmen, falls das Baby auf sich warten lässt. Damals hatte ich diesen Rat müde belächelt. Von so etwas lasse ich mich doch nicht aus der Ruhe bringen, hatte ich mir gedacht. Von wegen! Es war sogar noch eine Woche bis zum errechneten ET und mein Nervenkostüm war hauchdünn geworden. Ich fühlte mich schwerfällig, müde und scharrte mit den Hufen, dass es endlich losging. Aber es tat sich nichts. Das Köpfchen war sogar noch immer abschiebbar!

„Das muss nichts heißen“, meinte meine Frauenärztin nur. „Es kann auch erst noch während der Geburt passieren, dass es tiefer rutscht.“

Diese Aussage tröstete mich jedoch wenig, denn sie hieß gleichzeitig, dass ich, sollte die Fruchtblase platzen, liegend ins Krankenhaus hätte transportiert werden müssen. Und das wiederum hieß für mich: Ich bewegte mich nur noch in einem sehr kleinen Umkreis um unser Auto herum.

Wehen hatte ich auch noch immer nicht gehabt. Weder gefühlt, noch auf dem CTG.

„Wetten, ich übertrage?“, sagte ich fast täglich grummelnd zu Kiwipapa, der mittlerweile genauso genervt von der ständigen Fragerei war wie ich.

Und dann wachte ich einige Tage vor ET plötzlich mit starken Bauchschmerzen nachts auf.

„Endlich!“, schoss es mir sofort durch den Kopf. Aber irgendwie hatte ich mir Wehen nicht so vorgestellt. Sollten sie nicht „in Wellen heranrollen“, länger andauern und in regelmäßigen Abständen kommen? Dieser Schmerz war mehr im Oberbauch und er war permanent da. Und zwar stark!

Unruhig wandelte ich im Haus hin und her. Das konnten keine Wehen sein – irgendetwas stimmte nicht. Ich weckte den Kiwipapa, als ich die Nummer vom Kreißsaal bereits herausgesucht hatte. Auch er war der Meinung, dass ich auf jeden Fall anrufen sollte. Die Hebamme am Telefon war allerdings nicht wirklich hilfreich. Das höre sich nicht nach Wehen an und sie könne mir auch nicht sagen, ob ich vorbeikommen sollte oder nicht. Das müsste ich selbst entscheiden. Auf meinen Einwand hin, dass es ja vielleicht eine Schwangerschaftsvergiftung sein könnte, erwiderte sie auch nur, dass sie dazu nichts sagen könne. Ich solle doch noch einmal eine halbe Stunde warten und dann entscheiden.

Mein Entschluss ins Krankenhaus zu fahren schwand etwas. Stellte ich mich nur an? Wegen ein paar Bauchschmerzen? Aber so starke Bauchschmerzen hatte ich noch nie in meinem Leben… Ich wartete also – und saß währenddessen mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Sofa. Der Schmerz wurde jedoch nicht weniger, er wurde schlimmer. Die halbe Stunde hielt ich zwar durch, aber ich zog mich bereits an und putzte mir die Zähne. Danach ließ ich Kiwipapa noch einmal im Kreißsaal anrufen, um anzukündigen, dass wir nun kommen würden.

Wir düsten also los und fanden glücklicher Weise gleich einen Parkplatz direkt beim Krankenhaus. Wo der Kreißsaal war, wussten wir bereits. Als wir ankamen, zitterte ich vor Schmerz und vor Aufregung. Die Hebamme schloss mich sofort ans CTG an und rief eine Ärztin. Zum ersten Mal schlug die sonst immer flache Linie für die Wehen aus. Und zwar heftig!

Die Ärztin kam, hörte sich meine Beschwerden an und sah dann auf das CTG.

„Sie haben Wehen, merken sie die?“, fragte sie mich, während sie mir Blut abnahm.

„Ich weiß nicht“, gab ich nur zurück. „Schwer einzuordnen. Irgendwie tut alles weh…“

Ich Nachhinein weiß ich – nein, die Wehen hab ich kaum gemerkt, der andere Schmerz hat alles überlagert.

„Hm… Haben Sie das schon öfter gehabt?“

Ich schüttelte den Kopf und erklärte ihr, dass ich in den letzten Tagen zwar immer mal etwas Bauchweh hatte, aber nie in der Art. Etliche Untersuchungen und eine Blutprobe später stand fest: Keine Schwangerschaftsvergiftung, sondern die Magenschleimhaut war entzündet. Durch meinen ständigen Begleiter in der Schwangerschaft – dem Sodbrennen! Zur Beobachtung sollte ich jedoch lieber noch im Krankenhaus bleiben.

Und in der Zeit, die ich dort im Kreißsaal wartete, war dieser plötzlich gar nicht mehr so still und friedlich, wie ich ihn zuvor erlebt hatte. Alle Kreißsäle waren belegt – und das hörte man! Ich gehe mal lieber nicht darauf ein, WAS man alles so hören konnte – ich will ja niemandem Angst machen – aber langsam wurde mir doch mulmig zumute.

Nach zwei Tagen im Krankenhaus wurde ich schließlich wieder entlassen. Mir ging es wieder gut und das Warten ging weiter. Und weiter. Und weiter…

Am Tag des ETs fiel dann endlich der Satz, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte.

„Tja, wenn es nach einer Woche noch nicht von alleine losgeht, dann sollten wir mal über eine Einleitung nachdenken.“

Kommentar verfassen