Die fünf Stufen der elterlichen Chaosbewältigung

Chaos

Früher, also bevor wir ein Kind bekamen, da war ich wohl das, was man als „strukturiert“, „organisiert“ oder auch „pünktlich“ bezeichnen würde.

Ich bearbeitete auflaufende Rechnungen, Termine, Telefonate und Besorgungen in der Regel schnell und geordnet. Geschenke besorgte ich manchmal schon Wochen im Voraus, weil ich um die lange Lieferzeit wusste und kein Risiko eingehen wollte. Bei wichtigen Telefonaten machte ich mir oft vorher eine Liste mit Stichpunkten, die ich auf jeden Fall erfragen wollte und überlegte mir im Vorfeld, was ich wann sagen könnte. Meine zehn Minuten zu frühe Ankunft bei Verabredungen kompensierte ich mit einem kleinen Spaziergang – man wollte ja nicht zu früh aufschlagen.

Das alles hat sich nach Kiwis Geburt sagen wir mal… leicht verändert. Statt der souveränen Bewältigung einer Aufgabe, bekam man ab sofort – sehr ungewohnte – Sätze wie diese hier von mir zu hören:

„Meinen eigenen Geburtstag? Komplett vergessen. Was ich mir wünsche? Keine Ahnung, schenkt mir einfach irgendwas… (Zählen auch Klamotten für Kiwi? 😉 ).“

„Wuah! Heute war irgendwas… ach ja richtig, wir müssen mit Kiwi zur U4! Sachen packen, aber schnell!

„Oh nein… wir haben schon wieder das Babyphone bei meiner Schwester vergessen…“

Ups, ich hab gar keine Windeln mit.“

„Was meinen Sie damit? Wir hätten uns schon längst ummelden sollen? Wieso knapp an einer Strafzahlung vorbei?!

Welcher Tag ist heute eigentlich?

Anfangs schob ich dieses plötzliche Chaos in meinem Kopf noch auf die anstrengende Geburt, später auf meine Stilldemenz, doch mittlerweile weiß ich, dass weder das Wochenbett noch irgendwelche Stillhormone dafür verantwortlich sind, dass ich Termine vergesse oder online bestellte Kleidung, die mir nicht passt, nicht zurückschicke.

Der Grund dafür ist einfach: Wir haben jetzt ein Kind.

Diese Tatsache ist für mich, so wie es oben im Blogtitel steht, ein „Upgrade in ein neues Leben“. Dass dieses Upgrade aber schon fast einem völlig neuem Betriebssystem gleicht, hat man sich vorher nicht so ganz vorstellen können. Es sind eben nicht nur „ein paar mehr Aufgaben“ dazugekommen, sondern man hat es ab sofort mit einem komplett neuen, zweiten Leben zu tun, das man nun „verwalten“ muss, soll und darf.

Dieser Fakt geht mit einer so unglaublichen Verantwortung und einem so wahnsinnig großen „Mehr“ an Aufgaben, Überlegungen und Sorgen einher, dass man manchmal den eigenen Gedankengängen kaum noch hinterher kommt.

Und weil das so ist, hat sich ganz still und leise eine ganz neue Art der „Priorisierung“ in unseren sonst so struktierten Haushalt geschlichen, dessen Fundament die folgenden fünf Sätze bilden, bei denen ich mir sicher bin, dass ihr – solltet ihr selbst Eltern sein – sie schon einmal benutzt habt:

 

Prioritätsstufe 5

„Also eigentlich könnten wir mal…“

„Schatz, also eigentlich könnten wir doch mal gemeinsam zum Yoga gehen / anfangen Rosen zu züchten / alle Glühbirnen durch LEDs ersetzen (ohne, dass diese zuvor kaputt gegangen sind) / die kleine Macke im Schrank ausbessern…“

Seien wir ehrlich – Überlegungen dieser Stufe werden wohl niemals in die Tat umgesetzt werden. Nette Ideen sind es sicherlich und früher hätte man die ein oder andere Sache wohl auch erledigt. Jetzt jedoch werden solche Sätze vom Partner freundlich nickend mit dem wissenden Lächeln zur Kenntnis genommen, dass man soeben auch den Wunsch hätte äußern können, ab sofort auf einem rosa Einhorn zur Arbeit reiten zu wollen. Hach ja…

 

Prioritätsstufe 4

„Wir müssten mal…“

Äußerungen dieser Art haben hingegen schon die Möglichkeit, tatsächlich ernst genommen und umgesetzt zu werden – irgendwann. Der zeitliche Rahmen ist da recht unbegrenzt und kann auch schon mal gedanklich mit dem Label „In zehn/fünfzehn/zwanzig Jahren“ versehen werden.

Sätze dieser Prioritätsstufe könnten lauten:

„Wir müssten mal das Badezimmer sanieren / den Dachboden entrümpeln / ein Backup erstellen / die Uhr am Herd umstellen…“

Manche dieser Dinge werden irgendwann unausweichlich sein. Spätestens, wenn der Dachboden nicht mehr betreten werden kann oder man schon wieder zur spät zur Arbeit erschienen ist, weil man irrtümlich davon ausging, die Uhr am Herd könnte tatsächlich die richtige Zeit anzeigen, wird man diese Aufgaben wohl früher oder später erledigen.

 

Prioritätsstufe 3

„Wir müssen jetzt echt…“

Jetzt wird es schon interessanter und wir nähern und langsam dem roten Prioritätsbereich. Aufgaben dieser Stufe müssen definitiv in einem begrenzten, engeren zeitlichen Rahmen erledigt werden. Andernfalls droht meist irgendeine Art von Konsequenz. Äußerungen könnten zum Beispiel sein:

„Wir müssen jetzt echt die Anmeldung für die Kita losschicken / das Auto ummelden / das Hotel buchen / den Windeleimer leeren…“

Wenn Gedanken dieser Art im Kopf auftauchen, hat man meist den Drang, sie irgendwie aufzuschreiben oder sich gedanklich so daran festzuklammern, dass man sie auch ja nicht vergisst – und es dann doch erst einmal wieder tut. Für ihre tatsächliche Erledigung braucht es entweder einen gut mitdenkenden Partner, oder aber die nächst höhere Prioritätsstufe…

 

Prioritätsstufe 2

„Oh Gott, hast du schon…?!“

Mittlerweile sind wir im rot blinkenden Alarmbereich angelangt. Aufgaben dieser Art sind oft übriggebliebene Aufgaben aus der Prioritätsstufe 3 oder aber ganz neu, aber sehr, sehr dringlich dazugekommene durchzuführende Handlungen wie:

„Oh Gott, hast du schon die schwarze Tonne rausgestellt (am Morgen der Abholung) / das Geschenk für XY besorgt (am Tag des Geburtstags) / die Rechnung überwiesen (nach der 2. Mahnung)…“

Folgen Sätzen dieser Art nicht schnellstmöglich Handlungen, endet dies meist entweder in einer sehr unangenehmen (kein Geschenk), teuren (hohe Mahngebühren) oder noch aufwändigeren (jetzt müssen wir zum Recyclinghof…) Situation.

 

Prioritätsstufe 1

„Ich mach das – jetzt!“

Eigentlich ist das Kind schon längst in den Brunnen gefallen, aber vielleicht kann man die Sache ja doch noch irgendwie hinbekommen? Nur – wenn nicht jetzt, dann nie!

Leider sind es oft genau diese Situationen des motivierten Aufspringens, in denen das Baby plötzlich mit sehr übler Laune erwacht oder aber irgendein anderer Notfall dazwischenkommt, so dass selbst dann dem Ausruf „Ich mach das jetzt!“ nicht oder nicht sofort Folge geleistet werden kann.

Ab der wievielten Mahnung beginnt nochmal die Zwangsvollstreckung…?

 

Prioritätsstufe 0

„Klar, das hab ich schon lange erledigt, was denkst du denn?“

Manchmal passiert es jedoch tatsächlich. Manchmal werden Aufgaben verschiedenster Priorität – sei es sofort oder auf den letzten Drücker – erledigt. Es gibt diese glorreichen Tage, an denen man tatsächlich das Gefühl hat, plötzlich alles wieder etwas mehr unter Kontrolle zu haben. Alles ganz easy managen zu können. Ist doch eigentlich gar nicht so schwer das Leben mit Kind?

An solchen Tagen steht man dann seinem schweißgebadeten Partner gegenüber, erwähnt mal eben nicht die Tatsache, dass man gerade erst den wichtigen Brief in den Briefkasten geworfen / zufällig die nette Sachbearbeiterin im Supermarkt getroffen und gleich mal um Auskunft gebeten / die eigene Mutter zu Hause die Wäsche gewaschen hat und erwidert mit einem gelassenen Lächeln auf die Frage, ob man an dieses oder jenes schon gedacht hätte:

„Klar, das hab ich schon lange erledigt, was denkst du denn?“

5 thoughts on “Die fünf Stufen der elterlichen Chaosbewältigung

  1. Liebe Kiwimama,
    ich habe mich wirklich köstlich über diesen Artikel amüsiert. Ich stimme dir auch in allen Dingen zu – läuft bei uns genauso Seit unser zweites Kind allerdings das Licht der Welt erblickt hat, bewegen wir uns größtenteils eigentlich nur noch in den oberen 3 Priostufen
    Beste Grüße
    Daniel

    1. Hallo Daniel,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass dir der Post gefallen hat, denn ich hatte auch sehr viel Spaß beim Schreiben 😉
      Dass ihr euch mit zwei Kindern nur noch in den oberen Stufen bewegt, kann ich mir sehr gut vorstellen! Ich hab jetzt schon wahnsinnigen Respekt davor, wenn es bei uns irgendwann mal so sein wird 😀

      Liebe Grüße
      Steffi

    2. Wichtig ist glaub ich einfach, seine Perspektive / seine Prioritäten soweit zu verschieben, bis es passt XD

  2. Haha, ja. Hab bei eigentlich jedem Satz gedacht: „jap, ist hier genauso.“
    Wobei ich zugeben muss, dass das bei manchen Sachen schon vor dem Kind so lief 😉

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