Das Böse schlummert in mir!

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Ich habe es schon immer irgendwie gewusst, doch wollte es nie wahrhaben: Unter meiner freundlichen – ja – fast langweiligen Fassade schlummert das Böse! Doch lest selbst, wie ich zu dieser tragischen Erkenntnis kam…

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An einem lauen Frühsommerabend in der letzten Woche ging ich mit Kiwi einkaufen.

Während ich vor einigen Wochen noch skeptisch war, ob Kiwi und ich das alleine schaffen würden (wir waren zuvor immer entweder zu dritt oder ohne Kiwi einkaufen) und vor allem, ob Kiwi überhaupt vernünftig im Einkaufswagen sitzen kann, genießen wir dieses Erlebnis nun zusehends mehr. Wenn nicht gleich die Besorgungen für eine komplette Woche getätigt werden müssen, findet Kiwi das Ganze auch sehr spannend und bleibt gut gelaunt. Noch weiß sie ja auch nicht was Quengelware ist. 😉

Wir ahnten also nichts Böses und stiegen aus dem Auto aus. Die Vögel zwitscherten und die Sonne schien. Noch keine Spur von dem dunklen Schatten, der sich bald über die Szenerie legen sollte. Vor dem Laden bewunderte der Einkaufswagenschieber noch die niedliche Kiwi und wir wechselten ein paar nette Worte. Drinnen legten wir die ersten Waren in den Einkaufswagen als eine freundliche ältere Dame an meiner Tochter vorbei lief. Kiwi schaute sie skeptisch an, doch die Dame sagte nur: „Du kennst mich nicht, was? Süßes Mädchen!“ und ging lächelnd davon. Alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Noch ein paar weitere Dinge in den Einkaufswagen und dann ab zur Kasse. Während ich die Besorgungen aufs Band und zurück in den Wagen legte, wurde Kiwi von der Kassiererin angelächelt. Doch – wohl in Erwartung der Monstrositäten, die da noch kommen sollten – Kiwi selbst blieb eher reserviert.

Anschließend noch schnell zum Bäcker und ab nach Hause, so war der Plan.

Wahrscheinlich fragt sich der geneigte Leser nun was dieser zugegebenermaßen etwas reißerische Teaser soll, doch scheinbar ist eine Bäckerei der Ort, der das Schwärzeste aus der väterlichen Seele zum Vorschein bringen kann…

Kiwi und ich stehen also beim Bäcker in der Schlange. Kiwi schaut sich das muntere Treiben vor und hinter der Theke an bis wir dran sind.

Bäckereiverkäuferin: „Hallo! Was darf es sein?“

Ich bestelle ein wenig Brot, während Kiwi zufrieden mit den Füßen wippt.

Bäckereiverkäuferin: „Gerne.“ *Schneid* *Schneid* *Einpack* *Einpack* „Darf es sonst noch etwas, sein?“

Ich: „Nein Danke.“

Bäckereiverkäuferin: „Das macht dann 4,20€ bitte.“

Die Verkäuferin wird nun auch der kleinen Kiwi gewahr und beugt sich zu ihr herüber.

„Ach Du bist aber eine Süße! Darf es eine Kindersemmel sein?“

Manche Sätze bringen das Böse im Menschen zum Vorschein – zumindets durch die Augen des Gegenübers gesehen. Der folgende Satz schien genau dieses zu erreichen, denn anders kann ich mir die darauf folgende Reaktion nicht erklären.

Ich (mit freundlicher Stimme): „Nein Danke, dafür ist sie noch zu klein.“

Ich sah, wie sich der Blick zuvor recht freundlich dreinschauenden Verkäuferin in pure Empörung verwandelte. Ihre Brauen zogen sich zusammen und ihre Miene verdunkelte sich drastisch.

Bäckereiverkäuferin: „Nein, das STIMMT ja gar nicht!“

Für einen Moment fragte ich mich, was ich da gerade so Schlimmes gesagt zu haben schien – mir dem Ausmaß meiner Boshaftigkeit noch nicht bewusst – da erklärte sie es mir sofort.

MEINE Kleinen durften in dem Alter AUCH schon Brötchen essen!“

In meiner Naivität war ich mir noch immer nicht meiner grotesken Entscheidung bewusst, Kiwi – die noch immer zufrieden im Wagen vor sich hinwippte – eine solche Semmel zu verwehren. Unerhörterweise war mir nicht sofort klar, dass ich es mit einer ausgewiesenen Erziehungs- und Ernährungsexpertin zu tun hatte, die die Bedürfnisse meines Kindes 1000 Mal besser kannte, als ich absoluter Anfänger-Papa.

Ich: „Sie fängt gerade erst an mit uns zusammen zu essen. Wir versuchen es erstmal mit etwas Brot, aber vielen Dank.“

Die Bäckereiverkäuferin erkannte mit ihrer messerscharfen Beobachtungsgabe natürlich, was für ein väterliches Monster sie vor sich hatte und warf sich heldenhaft vor Kiwi, um sie zu beschützen: „Also I C H hätte dir ja eine Semmel gegeben aber dein V A T E R will ja nicht.“

Kiwi blinzelte nur verwirrt. Wie konnte sie auch ahnen, welche Ungeheuerlichkeiten sich so eben vor ihr abspielten.

Die Bäckereiverkäuferin musterte Kiwi mit einem Blick aus tiefem Mitleid und mich selbst mit brodelnder Wut, bevor sie es in ihrer sichtlichen Erschütterung fertigbrachte ein „Dann hast Du halt Pech gehabt!“ zu zischen.

Ich fühlte mich ertappt und konnte ihrer Beobachtung nur beipflichten: „Das stimmt, Papa ist echt böse! Schönen Tag noch!“

Wir ließen die Verkäuferin schnaubend und vor sich hinmurmelnd zurück und ich versuchte angestrengt, die beiden roten Hörner auf meinem Kopf zu verbergen. Sollte ja nicht jeder mitbekommen, was für ein Dämon-Papa hier gerade ein niedliches Baby durch den Supermarkt fuhr.

Auf der Rückfahrt grübelte ich noch über das Erlebte. Wie konnte ich es nur wagen? Wie konnte ich der kleinen Kiwi nur die existenzielle Erfahrung einer Kindersemmel verwehren? Wie konnte ich ihr nur diese zuckersüße Delikatesse, von der sie noch ihren Urenkeln vorschwärmen würde, vorenthalten? Was hat mich zu dieser Tat verleitet? War es vielleicht tatsächlich schnöde Vernunft? War es der irrsinnige Wunsch, ihr zumindest noch vor dem ersten Lebensjahr bei der Dosierung ihrer Zuckerquellen zu helfen? Ich werde es nie wirklich erfahren. Doch eins weiß ich nun:

DAS BÖSE SCHLUMMERT IN MIR!

10 thoughts on “Das Böse schlummert in mir!

  1. Also nein!
    Wie konntest du es nur wagen, selbst darüber zu entscheiden, was deine Tochter zu Essen bekommt?!
    Erkennt du denn nicht die allumfassende Weisheit einer Bäckereiverkäuferin?
    Schließlich ging es dabei um ihr Fachgebiet: Brötchen!
    Dass du dir einbildest zu wissen was deiner Tochter gut tut… Also wirklich….

  2. Wie gut ich das kenne. Ich schätze es, wenn heutzutage noch etwas verschenkt wird. Was früher ganz normal war, ist heute eine Seltenheit. Sich aber dann vor dem Kind für ein „Nein, danke“ rechtfertigen zu müssen, ist glaub ich auch ein Phänomen der Jetztzeit.
    Wir sind eben undankbares Elternpack, dass sich doch tatsächlich nicht belehren lassen will. Ich kann damit leben 😉
    (Tochter hat Weizenunverträglichkeit und wir sind Vegetarier. Ja genau.)

    1. Was mich so wundert ist, dass dieses Verschenken von Kindersemmeln ja eigentlich ein Service sein soll, damit die Eltern und die Kinder auch beim nächsten Mal wieder zu genau diesem Bäcker gehen. Mit einem solchen Verhalten wandelt man diesen Servicegedanken aber genau ins Gegenteil um und verärgert die „undankbaren“ Eltern, die aber leider immernoch Kunden sind. 😉
      Wenn dann noch solche Gründe wie bei euch dazu kommen wird das ganze ja nochmal deutlich verstärkt.

  3. Sowas ist mir auch schon mal passiert 😉 Ich habe einen Lutscher abgelehnt als meine Kleine ein Jahr alt war. Also echt … Was bin ich für eine Rabenmutti ;)))
    Und das mit den Brötchen kenne ich auch. Heutzutage darf ich es nicht mehr wagen die auszuschlagen, weil das Bilderbuchmädchen mittlerweile von der Bäckerei-Mafia angefixt wurde und selbstverständlich jedes Mal ein Brötchen möchte wenn wir am Bäcker vorbeigehen … Aber früher als ich noch nein gesagt hab zu den Gratis-Brötchen, weil ich meine Tochter noch zu klein dafür fand, da gab es auch immer sehr abwertende Blick .. ;).

    1. Was, Du hast Deinem Kind quasi den Lutscher geklaut? Das geht ja mal gar nicht! 😉
      Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Kiwi früher oder später mit der Bäckerei-Mafia in Kontakt kommt. Dafür ist das Netzwerk einfach zu groß. 🙂

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