Blogger Adventsgeschichte vom 04.12.2015

Winter05

– Kapitel 4: Vom Jäger und seiner (schnatternden) Beute –

Auch der Fuchs bekommt die Kälte deutlich zu spüren, während er im Schnee nach Mäuselöchern sucht. Im Gegensatz zu Bo, Bea und Erna hat er allerdings nicht vor, sich an der Suche nach etwas Essbarem für die anderen Tiere zu beteiligen. Vielmehr sieht sein Plan vor, sich zunächst selbst einen leckeren kleinen Mäuseimbiss zu gönnen und sich dann wieder in seinen Bau zu kuscheln, bis die anderen Tiere von ihrer Reise zurückgekehrt waren. Natürlich plant er trotzdem, sich später an dem Fest zu beteiligen. Er würde einfach erzählen, dass er – wie immer – bei der Suche nach Futter von den Menschen aus dem Dorf vertrieben worden war. Vielleicht konnte er sogar ein leichtes Humpeln vortäuschen?

Winter01

Während er erneut suchend seine Nase in den Schnee steckt, lässt ihn eine quäkende Stimme zusammenzucken.

„Suchst du etwa da nach Futter für uns? Im Schneeeee?!“

Der Fuchs sieht finster zu der weißen, watschelnden Gestalt auf, die sich ihm nähert. Es ist Lisbeth die Gans.

Seufzend schüttelt er sich den kalten Schnee von der Nase.

„Ich dachte nur, ich hätte etwas Seltsames gerochen“, erwidert er unschuldig mit seiner tiefen, samtig weichen Stimme. „Was tust du hier?“

„Ich wollte zurück zum Baaaauern. Ich weiß, dass es da zu dieser Zeit immer besonders leckeres Essen gaaab!“

„Ja, vermutlich Gänsebraten“, murmelt der Fuchs so leise, dass Lisbeth ihn nicht hören kann. Den Hof vom Bauern kennt er nur zu gut. Oft hatte er ihm einen kleinen Besuch abgestattet und versucht, sich an seinen Gänsen oder Kaninchen zu bedienen. Leider stets erfolglos, bis ihn irgendwann sogar fast einer der Wachhunde erwischt hätte. Er erschaudert noch immer bei dem Gedanken daran. Seitdem hatte er diesen Ort gemieden. Als Lisbeth dann eines Tages plötzlich bei den Waldtieren auftauchte, stellten die anderen Tiere sie augenblicklich unter ihren Schutz und der Fuchs hatte fortan keine Gelegenheit mehr, von ihren Federn zu kosten. Warum sie es vorzieht, statt im warmen, gemütlichen Stall des Bauern bei ihnen im Wald zu wohnen, war ihm allerdings schon immer ein Rätsel gewesen.

„Komm doch mit!“, schlägt die Gans vor. Fuchs hebt ein wenig verwundert die Augenbrauen. Will sie ihn veralbern, oder ist dieser Vogel wirklich so gutgläubig? Sich allein hier mit ihm zu unterhalten erfordert schon ziemlichen Mut. Jetzt will sie sogar mit ihm zusammen zum Bauern gehen? Schutz der Tiere hin oder her. Hier ist niemand, der sie hätte sehen können.

„Sicher“, erwidert der Fuchs mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Wenn er schon keine Maus bekommen sollte, würde es heute eben Gans zum Essen geben.

Die beiden setzen sich zusammen in Bewegung. Während sie gemeinsam durch den Schnee stapfen, spricht der Fuchs kein Wort, sondern schmiedet in seinem Kopf einen Plan. Lisbeth hingegen tratscht ohne Unterlass – selbst wenn er etwas hätte sagen wollen, hätte er keine Gelegenheit dazu gehabt.

„Ja und dann sagte ich zu Erna „Meine Liebe! Wenn du wirklich Wert auf die richtige Flügelpflege legst, dann solltest du…“.“

„Still!“, unterbricht der Fuchs die sorglose Gans und stellt sich ihr in den Weg.

„Wir sind da.“

Unter ihnen liegt der Hof des Bauern, über den sie vom Hügel aus einen wunderbaren Überblick haben. Dort sind die Stallungen der Pferde, da das Kaninchengehege und nah beim Haus die Unterkunft der Gänse. Auch die Zwinger der Wachhunde sind gut zu erkennen. Zu ihrer beider Erleichterung sind diese sogar geschlossen und die Hunde eingesperrt. Aus dem Kamin des Bauernhauses steigt weißer Rauch empor. Der Bauer und seine Familie sind also zu Hause.

„Wir brauchen einen Plan“, sagt der Fuchs und legt sich im Schnee auf die Lauer. Seine bernsteinfarbenen Augen blitzen listig zwischen dem rotbraunen Fell und dem weißen Schnee hervor.

„Alles klar!“, antwortet Lisbeth und versucht eine ebenso elegante Lauerstellung einzunehmen wie der Fuchs. Sie sieht dabei jedoch eher ein wenig albern aus.

„Wir müssen aufpassen, dass uns die Wachhunde nicht sehen. Auch wenn sie eingesperrt sind, können sie immer noch bellen. Dem Stall deiner Gänsefreunde sollten wir auch nicht zu nah kommen. Bleibt nur noch der Weg von hinten am Kaninchengehege vorbei. Die machen nicht so einen Krach, wenn sie sich erschrecken.“

Winter04

Lisbeth nickt und folgt dem roten Jäger, so leise sie nur kann. Beim Abstieg vom Hügel landet sie allerdings einige Male mit dem Schnabel im Schnee.

Der Fuchs hingegen schleicht wachsam und elegant zur Hintertür des Bauernhauses. Zunächst würde er die Gelegenheit nutzen und sich drinnen ein wenig umsehen. Es konnte nicht schaden, dabei ein wenig Rückendeckung zu haben und das Haus hatte ihn schon immer interessiert. Danach, auf dem Rückweg, würde er sich Lisbeth vornehmen.

Sie schleichen vorbei am Kaninchengehege zu einem tiefliegenden, halb geöffneten Fenster. Ein Sack Mehl eignet sich wunderbar zum Hochklettern und ermöglicht ihnen einen guten Blick in das Innere des Hauses.

Die Augen des Fuchses weiten sich vor Erstaunen. Dort steht ein großer Baum in der Mitte des Raumes, an dem viele glitzernde Kugeln hängen. Darunter allerlei Gegenstände auf funkelndem, achtlos auf den Boden geworfenem Papier. Der kleine Sohn des Bauern befindet sich inmitten dieses Haufens aus Gegenständen und Papier, eine hölzerne Stange mit geschnitztem Pferdekopf in der Hand. Aus dem Nebenraum – der Küche, wie der Fuchs sicher weiß – dröhnt lautes Gelächter in das Zimmer hinein. Auch verströmt dieser Raum wie immer einen verführerischen Duft. Die anderen scheinen sich also dort aufzuhalten. Nur der Bauernsohn steht im Wohnzimmer und ist völlig in sein Spiel mit der Pferdeattrappe versunken.

Winter06

„Hü, Sternenschweif! Auf zum Angriff!“, ruft der Junge und beginnt, begeistert durch den Raum und schließlich auch in den Flur zu hüpfen.

„Das ist unsere Chance!“, raunt der Fuchs. „Bleib du hier am Fenster und warne mich, wenn jemand kommt.“

Ohne Lisbeths Antwort abzuwarten zwängt er sich geschmeidig durch das schmale Fenster und landet lautlos auf dem Boden. Die wunderbaren Gerüche um ihn herum lassen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.

„Waaaas willst du mitnehmen?“, fragt die Gans aufgeregt so leise sie konnte.

Der Fuchs hat bereits einen kleinen Tisch mit Essensresten ins Visier genommen, schleicht hinüber und stibitzt eine bereits halbleere Packung herrlich duftender Kekse, die hübsch verpackt und mit einem roten Band wiederverschlossen worden war. Er will sich gerade ganz allein auch über die restlichen Essensreste hermachen, als die Gans Alarm schlägt.

„Er kommt!“, ruft sie und flattert aufgeregt mit den Flügeln. „Er ko..aaaaah!“

Der Fuchs sieht gerade noch, wie sich eine große Hand um Lisbeths Hals legt, bevor die Gans mit einem triumphierenden „Hab ich dich!“ aus seinem Sichtfeld gezogen wird.

„Fuuuuchs!“, hört er Lisbeth noch rufen.

In Windeseile hatte sich der Fuchs hinter dem großen Baum verkrochen, um sich vor dem Bauernjungen zu verstecken, der nun wieder in das Wohnzimmer gehüpft kommt. So gut es ging, kauert er sich unter die herabhängenden Zweige mit den glitzernden Kugeln. Im nächsten Augenblick hört er, dass sich die Hintertür, die ins Wohnzimmer führt, öffnet und sieht den Bauern eintreten. In der Hand die wild um sich schlagende Lisbeth.

„Schau mal, wer wieder da ist, Tom!“, sagt der Bauer zu seinem Sohn. „Lisbeth?“, fragt dieser verwirrt. „Aber ich dachte, die ist weggelaufen?“ „Sie hat wohl wieder nach Hause gefunden!“

„Fuuuuuuchs…“, röchelt die Gans. „Hiiiilf miiiir!“

Der Fuchs zögert. Ein sonderbares Gefühl durchströmt ihn. Statt nur an seine eigene Flucht zu denken, tut ihm diese dumme Gans leid. Sie wollte nicht hier sein, sonst wäre sie nicht davongelaufen. Ein wenig fühlt er sich an die Zeit erinnert, in der er versehentlich in eine Scheune eingeschlossen worden war. Er wollte weg und konnte nicht. Ein grausames Gefühl.

Ohne weiter nachzudenken huscht der Fuchs aus seinem Versteck und stößt dabei absichtlich den Baum vor ihm um. Auch das glitzernde Papier auf dem Boden wirbelt er ein wenig mehr auf, als er muss, springt hoch zum Arm des Bauers und zwickt diesem in die Hand. Das wollte er schon immer einmal tun!

Der Bauer erschrickt so sehr, dass er die zappelnde Gans sofort loslässt. „Daaanke!“, stößt diese hervor. „Halt den Mund und lauf!“, ruft der Fuchs nur und zwängt sich bereits durch das enge Fenster. Mit einem kräftigen Ruck öffnet er es so weit, dass Lisbeth nun auch hindurchpasst.

Keuchend rennen sie so schnell sie können auf direktem Weg zum Wald. Sie hören noch Brutus und Carlo, die beiden Wachhunde, aufgeregt kläffen, bevor sie den Hügel hinaufjagen und im Tannengrün verschwinden.

„Das war aber knaaaapp!“, quäkt die Gans. Mit Erstaunen bemerkt der Fuchs die Packung Kekse, die er fallengelassen hatte, um sie zu retten – in Lisbeths Schnabel.

„Hab ich mitgenommen! Wir können ja nicht mit leeren Händen kommen!“, sagt sie mit einem triumphierenden Lächeln.

Der Fuchs kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Immerhin bist du doch zu etwas gut. Auch, wenn du dich vielleicht doch nicht als Gänsebraten eignest.“

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Eine Übersicht über alle bisher erschienden Kaptiel findet ihr, wenn ihr rechts am Rand auf das Logo klickt.

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10 thoughts on “Blogger Adventsgeschichte vom 04.12.2015

  1. Sehr gut geschrieben. Ich mag ja den Fuchs sehr 😉 Deine Bildauswahl gefällt mir auch super, aber du hast ja eh ein Händchen für Bilder wie man auf deinem Blog zweifellos erkennen kann. Bin schon gespannt auf dein nächstes Wochenende in Bildern!

    1. Dankeschön, liebe Nätty! Ich mochte Füchse früher immer schon in Filmen und Büchern total gerne und da konnte ich einfach nicht widerstehen 🙂
      Dieses Wochenende in Bildern war ein bisschen hektisch vorzubereiten, ich hoffe, das merkt man nicht ganz so doll 😉

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